aus “Flugasche” von Monika Maron
“Manchmal fühle ich mich um mein Leben betrogen”, sage ich.
Luise sieht auf, mit leichter Abwehr in den Augen. “Nun übertreib mal nicht.”
“Ich übertreibe nicht. Ich werde um mich selbst betrogen. Ich rede gar nicht davon, dass ich im Zeitalter der Weltraumforschung sterben werde, ohne auf dem Montmartre spazierengegangen zu sein, ohne zu wissen, wie es in einer Wüste riecht oder wie eine frische Auster schmeckt. Darüber kann ich mich trösten. In ihren Postkutschen sind unsere Vorfahren auch nicht allzu weit gekommen und haben trotzdem etwas begriffen von ihrer Welt. Der größere Betrug ist: Sie betrügen mich um mich, um meine Eigenschaften. Alles, was ich bin, darf ich nicht sein. Vor jedes meiner Attribute setzen sie ein ‘zu’: du bist zu spontan, zu naiv, zu ehrlich, zu schnell im Urteil… Sie fordern mein Verständnis, wo ich nicht verstehen kann; meine Einsicht, wo ich nicht einsehen will, meine Geduld, wo ich vor Ungeduld zittere. Ich darf nicht entscheiden, wenn ich entscheiden muss. Ich soll mir abgewöhnen, ich zu sein. Warum können sie mich nicht gebrauchen, wie ich bin? Manchmal denke ich, vielleicht wäre ich in anderen Zeiten nützlicher gewesen, als Ordnung, Disziplin und Treue nicht als die obersten Gebote galten. Luise, ein Auto, das man hundert Kilometer mit angezogener Handbremse fährt, geht kaputt. Und ein Mensch, glaubst du, der bleibt heil? Der geht auch kaputt. Er bleibt nicht stehen, fällt nicht um, aber er wird immer schwächer, bringt nichts mehr zustande. Seine wichtigste Beschäftigung wird die Kontrolle über sich selbst, das Verleugnen seiner Mentalität, seiner Gefühle. Er reibt sich auf in dem Kampf gegen sich selbst, stutzt seine Gedanken, ehe er sie denkt, verwirft die Worte, bevor er sie gesprochen hat, misstraut seinen eignen Urteilen, verbietet sich seine Gefühle; und wenn sie sich nicht verbieten lassen, verschweigt er sie. Schlimmer noch: Allmählich beginnt er unter der künstlichen Anmut seiner Persönlichkeit zu leiden und erfindet sich neue Eigenschaften, die ihm Lob und Anerkennung einbringen. Er wird vernünftig, bedächtig, ordentlich, geschäftig. Anfangs zuckt sein misshandelter Charakter noch unter den Zwängen, aber langsam stirbt er ab, wagt sich nur noch in den Träumen hervor. Aber am Tag trägt unser armer gebremster Mensch einen Einheitscharakter, ein schön gemäßigtes, einsichtiges Wesen, bis er eines Tages seine ursprüngliche Art vergessen hat oder schreit vor Schmerz und stirbt.
Noch vierzig oder fünfzig solcher Jahre, Luise, und die Menschen langweilen sich an sich selbst zu Tode. Dann sind die letzten Aufsässigen ausgestorben, und niemand wird die Kinder mehr ermutigen, mit der Welt zu spielen. Sie werden vom ersten Tag ihres Lebens an den knöchernen Ernst dieses Lebens kennenlernen. Ihre Lust wird getilgt durch maßvolle Regelung des Essens, des Spiels, des Lernens. Sie lernen Vernunft, ohne je unvernünftig gewesen zu sein. Armselige kretinöse Geschöpfe werden heranwachsen, und die Schöpferischen unter ihnen werden eine unbestimmte Trauer empfinden und eine Sehnsucht nach Lebendigem. Und wehe, sie finden es in sich selbst. Verstoßene und verlachte Außenseiter werden sie sein. Verrückte, Spinner, Unverbesserliche. Du bist zu lebendig, wird man so einem sagen als schlimmsten Vorwurf. Ich denke nur, unsere Natur ist stärker als jedes noch so perfekte System der Nivellierung und bäumt sich auf, wenn sie zu tief gebeugt wird.”
Leseempfehlung!