Wunschkonzert

Wunschkonzert — Sven Erlenborn on July 2, 2009 at 17:52

Er ist heute, vermutlich des Wetters wegen, irgendwie reduziert, daher gibt es nur eine Liste mit den seiner Meinung nach besten Filmmusik-Szenen (ohne feste Rangfolge.)

Antonio Banderas & Los Lobos - Canción del Mariachi in Desperado.
Giorgio Moroder - Tony’s Theme in Scarface.
Iggy Pop - Lust for Life in Trainspotting.
The Verve - Bitter Sweet Symphony in Eiskalte Engel.
Stealers Wheel - Stuck in the Middle with You in Reservoir Dogs.
Queen - Bohemian Rhapsody in Wayne’s World.
Elton John - Tiny Dancer in Almost Famous.
Ennio Morricone - Armonica in Spiel mir das Lied vom Tod.
Chuck Berry - You Never Can Tell in Pulp Fiction.

Natürlich hätte er aus Pulp Fiction auch gerne Misirlou von Dick Dale and his Del-Tones und Girl, You’ll Be A Woman Soon von Neil Diamond reingenommen. Genau wie man im Soundtrack von Eiskalte Engel einige weitere Perlen findet. Aber er wollte sich auf ein Stück pro Film beschränken.

The Pixies - Where Is My Mind in Fight Club.
The Stranglers - Golden Brown in Snatch
Katrina & The Waves - Walking On Sunshine in High Fidelity
Richard Wagner - Ritt der Walküren in Apocalypse Now
The Trashmen - Surfin’ Bird in Full Metal Jacket
Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich - Hold Tight! in Death Proof.
Buffalo Springfield - For What It’s Worth in Lord of War.
Clint Mansell -Lux Aeterna in Requiem for a Dream.
Jefferson Airplane - White Rabbit in Fear and Loathing in Las Vegas.

Ergänzungen erwünscht.

Randnotiz

Randnotiz — Sven Erlenborn on June 30, 2009 at 00:23

Zweimal musste er heute während des Zeitunglesen Worte nachschlagen, weil er ihre genaue Bedeutung nicht wusste, und beide Male lag es an der Sprache der Politiker. »Quelle habe sich selbst überlebt, daher sei auch “die Liquidation des Unternehmens ein denkbares Szenario”, wird das Regierungsmitglied zitiert.« Liquidation, das kann ja von Liquidität und von Liquidierung kommen und bei den Politikern weiß man ja nie, denkt J. sich. Die Kelten haben ja auch Schätze in die Grabkammern der Fürsten geschleppt und, unter Berücksichtigung der Inflation, waren die bestimmt mehr wert als läppische 50 Millionen. Als der Münte dann auch noch verlauten lässt, wir dürften uns von der Finanzwelt und der Wirtschaft nicht “kujonieren lassen”, befürchtet J. gar, Deutschland werde wieder von den Hohenzollern regiert. Es klingt natürlich feiner, als verkackeiern, verhohnepiepeln und verdummdeuveln, hat seinen Ursprung letztendlich aber auch im Genitalbereich.

*

Der Moment, in dem Electro und Rock zu klassischen Symphonien verschmelzen. Der Moment, in dem die Musik Endorphin und Adrenalin in die Blutbahn schießt. Der Moment, in dem man zum König der Welt gekrönt wird.

*

Er überlegt, ob man Teenager wirklich Einlass in seine Kammern gewähren sollte. Sie verwechseln flüchtigen Besitz zu schnell mit Stil und kopieren dann auch gleich die restlichen Macken, die man sich angewöhnt hat. Auf der anderen Seite kann man sie ohnehin nicht vor ungewollter Manipulation schützen und er führt ja auch nicht das schlechteste Leben.

20. Juni 2009

Lebenskunst — Sven Erlenborn on June 27, 2009 at 18:53

“Ich glaube, wenn man das Leben durchgespielt hat, kommt Wladimir Klitschko als Endgegner.”
- “Und sollte man ihn tatsächlich besiegen, taucht Vitali auf, belebt Wladimir wieder und man muss gegen beide gleichzeitig kämpfen. Wie in Scarlet Monastery.”
“Bam, bam, babam.”
- “GAME OVER.”

25. Juni 2009

Lebenskunst — Sven Erlenborn on June 26, 2009 at 14:20

Es ist kurz nach Mitternacht, J. wankt ins Graceland. Der King schiebt ihm ein Wasser hin. Beide schweigen.
Im Radio läuft “Leave Me Alone”.

Randnotiz

Randnotiz — Sven Erlenborn on June 24, 2009 at 17:49

(Aus gegebenen politischen Anlässen, die im Netz derzeit auch omnipräsent behandelt werden, war hier in den letzten Tagen nichts zu lesen.)

*

Die Zeitung berichtete gestern vom Kapitän des britischen Kriegsschiffes HMS Bulwark, welcher Rosenkohl als Teufelsgemüse bezeichnet und das Kraut konsequent von seinem Kutter verbannt hatte. Dieses Urteil ist sicher etwas hart, wenngleich J. die Abneigung nachvollziehen kann. Rosenkohl ist eigentlich nur mit einer guten Sauce Hollandaise oder Béchamel und einigen Mandeln genießbar. Ebenso Kohlrabi oder Blumenkohl, welche aber im Gegensatz zum Rosenkohl ohne Sauce nicht zu bitter, sondern schlicht zu fad schmecken. Im Artikel findet auch Sauerkraut Erwähnung, welches von James Cook im 18. Jahrhundert als Pflichtkost für Matrosen eingeführt wurde. Sauerkraut ist großartig als Beilage zu Eisbein, Backschinken oder Leberkäs.

*

Feiern ist eigentlich ein wunderbarer Moment des Stillstands, den es zu genießen gilt. Natürlich kann man vorwerfen, es werde zu viel gefeiert, und dieser Vorwurf ist begründet, aber den Stillstand, den viele in Parties und Saufgelagen suchen, kann man nicht vorwerfen. Die Alternativen zum Stillstand sind schlecht. Heerscharen von Bachelor-Absolventen pauken Tag und Nacht, eignen sich ihr Spezialistenwissen an, wollen berufstätig, eigenständig, erwachsen werden. Sie rennen unter vollem Einsatz all ihrer Kräfte auf ihr Ziel zu ohne über das Ziel nachzudenken. Sie tauschen später den Hörsaal gegen Großraumbüros und die Parties gegen das abendliche Fernsehprogramm, leben im gehobenen Mittelstand, gesellschaftliche Zwänge und politisches Tagesgeschehen hinnehmend, eingepfercht, unbedeutend, austauschbar.

Andere rebellieren gegen die politischen Programme und die gesellschaftlichen Zwänge, in dem naiven Glauben, etwas zu ändern, der guten Sache zu dienen, dem oben Geschildertem zu entgehen und ein bedeutendes Leben zu führen. Sie schlagen sich die Köpfe ein an den massiven Mauern der Mächtigen und ärgern sich, mit Blut in den Augen und schweißgebadet, über die ihnen entgegengebrachte Ignoranz. Nur manchmal bekommen sie eine Reaktion, die Mächtigen pissen von den Mauern auf sie herunter und waschen so immerhin das Blut weg. “Wer nicht kämpft, hat schon verloren.” Aber wenn man doch eh verliert, kann man zumindest versuchen ohne Narben aus der Sache rauszukommen. Kriegsdienstverweigerer gehen meist aufrechter als Veteranen - nur wohl nicht aus Stolz.

“Es herrschte ein fantastisches, universelles Gefühl, dass, was immer wir taten, richtig war, dass wir gewinnen würden. Und das, denke ich, war der Haken. Dieses Gefühl des unvermeidlichen Sieges über das Alte und das Böse, nicht in einem fiesen oder militärischen Sinne, das hatten wir nicht nötig. Unsere Energien würden sich einfach durchsetzten. Wir hatten den Moment auf unserer Seite, wir ritten auf dem Kamm einer hohen und wunderschönen Welle. Und jetzt nicht ganz 5 Jahre später, kann man auf einen steilen Hügel […] klettern […] und wenn man die richtigen Augen hat, kann man die Hochwassermarke sehen, den Ort wo sich die Welle schließlich brach und zurückrollte.”
Frei nach Hunter S. Thompson

Aber zu den Mächtigen auf den Mauern, zu den Marionetten ihrer eigenen Kunst, möchte man doch auch nicht gehören. Lieber unbedeutend sein oder zwecklos rebellieren, aber die vermeintlich Wahrheit auf seiner Seite haben, als ahnungslos im eigenen Lügen-Morast versinken.

“Einen Wahnsinnigen erkennt man daran, dass er bedingungslos daran glaubt auf der richtigen Seite zu stehen, das einzig Gute zu tun, gerecht zu handeln.”
Frei nach Assassin’s Creed.

Man sollten die Momente des Stillstands genießen.

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Lesenswertes im Netz:
EU verurteilt brutale Gewalt im Iran auf titanic-magazin.de.
Tauss zum Verhalten der SPD hinsichtlich des Zensur-Gesetzes auf abgeordnetenwatch.de.
Lesenswerte Artikel anderer Blogger:
Falscher Planet, falsches Jahrtausend von Kristian Köhntopp auf blog.koehntopp.de.
Piraten auf Phoenix: Versengt, doch nicht versenkt auf blogs.23.nu/bubbleboy/.
Journal :: 22.06. von Modeste auf modeste.twoday.net.

10. Juni 2009

Lebenskunst — Sven Erlenborn on June 14, 2009 at 21:13

Die Party findet in einem Verbindungsgebäude statt, für zehn Euro bekommt man von den Gastgebern eine Unterschrift mit der man dann Cocktails bekommt bis man nicht mehr möchte oder nicht mehr kann.

Four Fingers steht mit Schneewittchens Stiefmutter, sie studiert Biologie, neben einer Tür und unterhält sich.
“Ich sammel Gehirne.” Wow. So eine Aussage taucht auf und setzt sich dann in der Magengrube fest. Wie muss man sich das vorstellen, so eine Gehirnesammlung, fragt er sich und stellt sich lauter kleine Nagergehirne in Einmachgläsern vor.
“Nächste Woche sezieren wir Frösche. Da lass ich wieder eins mitgehen. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal an ein Affengehirn komme. Oder sogar an ein Menschengehirn.”

Einige Zeit später sind sie ins Bad verschwunden und machen rum. Plötzlich blockt sie ab.
“Ich kann nicht. Ich hab’ das schon zu oft gemacht.” Sie rückt ihr Oberteil wieder zurecht und verschwindet.
Vielleicht besser so, denkt er und fasst sich dabei an die Schläfe.

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Lesenswerte Artikel anderer Blogger:
Pfingstpredigt: Fickerei von C17H19NO3 auf c17h19no3.blogger.de.
Liebeserklärung von Merlix auf herzdamengeschichten.de.
Journal :: 12.06 von Modeste auf modeste.twoday.net.

07. Juni 2009

Lebenskunst — Sven Erlenborn on June 13, 2009 at 19:42

Nachdem er sich aus dem Zimmer geschlichen, die beiden Rastafari schliefen noch, Körperpflege betrieben und den Zimmerschlüssel auf die Rezeptionstheke gelegt hatte, gibt es Frühstück bei Bastih, der die Bloglesung mitorganisiert und selbstverständlich auch vorgetragen hatte. J. freut sich über die leichten Themen zu Tisch, die Wahl der richtigen Nussnougat-Creme und die Haltbarkeit von haltbarer Milch. Der weitere Verlauf eines Tages wird ganz entscheidend von den ersten Gesprächen am Morgen geprägt. Bastih stellt sich als großartige Person heraus und das Fräulein H ist auch ganz bezaubernd. Da ist er sich sicher, denn er hat am Frühstückstisch bei bestimmten Aussagen Dritter einen Blickwechsel und Schmunzeln zwischen den beiden beobachtet. J. beglückwünscht innerlich.

*

Es riecht gut im Zug. Was riecht denn hier so gut, fragt sich J., der sich akustisch wie optisch völlig aus seinem Umfeld ausgeklinkt hat. Er atmet tief ein, doch matt-süßer Zitroneneistee erdolcht den vorherigen Geruch von hinten. Er sinkt zurück in Musik und Zeitung.

Der Zug fährt mit hohem Tempo über eine Unebenheit auf den Gleisen und es rumpelt bedrohlich. Die Mitfahrenden schreien. J. grinst breit und erschrickt dann erst später, über seine eigene Ruhe, ja Gleichgültigkeit. Es wäre ihm völlig egal gewesen, wäre der Zug bei vollem Tempo entgleist. Vielleicht hätte es ihm sogar gefallen, endlich etwas Unvorhersehbares, Aufregung. Er überlegt, wie sich Schmerzen anfühlen, wenn man sich über die Außergewöhnlichkeit eines Ereignisses freut und Fight Club springt in seine Gedanken.

Griespudding. Es roch eben nach warmem Griespudding. Wie passend es doch wäre, würde das ganze Leben nach warmem Griespudding riechen.

*

In der zweiten Wahlkabine scheint, den Geräuschen nach zu urteilen, jemand den Meter Papier einfach zu essen.
“Jetzt regnet es sich aber ein”, meint die Wahlhelferin und sieht ihn auffordernd an. Er kann nichts entgegnen.

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Lesenswerte Artikel anderer Blogger:
Sasha Don’t Sleep von Saripari auf septemberrave.com.

06. Juni 2009

Lebenskunst — Sven Erlenborn on June 11, 2009 at 19:33

Im Zug sitzen ältere Herren, alle mindestens 60 und aufwärts, die aus Frankfurt kommen und sich einen Obstler nach dem anderen hinter die Binde kippen. Die Alten sind in Feierlaune und flirten alles an, was zwei Beine und zwei Brüste hat. Jüngere Fahrgäste begegnen diesem Verhalten wie man dem Verhalten greiser Kinder begegnet und eine grauhaariger Frau mit großer Sonnenbrille genießt es endlich mal wieder begehrt zu werden.

*

Der Portier quatiert ihn in ein Vier-Bett-Zimmer, weil die Ein-Bett-Zimmer doch bereits ausgebucht sind. Ein Rastafari sitzt lesend am Tisch und eine Rastafari liegt im Bett, bedeckt schnell ihre vermeintliche Blöße. J. dampft gleich wieder ab. Als er später wieder kommt, liegen beide im Bett, der Rastafari liest immer noch.

*

Bei der dritten Thüringer Bloglesung sitzt J. neben Rob und er überlegt, ob er Rob, nachdem dieser gelesen hat, erzählen soll, dass er zunächst auch im Anzug kommen wollte, weil dadurch der erste Eindruck so schön einschüchternd ist. Aber er hat sich gerade mit dem ungemütlichen Schweigen abgefunden und sobald dieses kurze Thema abgeschlossen sein würde, müsste er von Neuem damit umgehen.

Die Bloglesung ist toll. Es lesen außerdem Smikey, Textspeier, Pulsiv, Sapere Aude, der Geschichtenerzähler, Cuentacuentos und Jojo. Nächstes Jahr wird J. auf jeden Fall wieder da sein.

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Lesenswerte Artikel im Internet:
- Piratenpartei: Vorkämpfer der Netzbürger von Kai Biermann auf Zeit Online.
- Netzdebatte: “Das Internet” gibt es nicht von Christian Stöcker auf Spiegel Online.

03. Juni 2009

Lebenskunst — Sven Erlenborn on June 9, 2009 at 16:15

Die Geeks in ihren grauen Kapuzenpullis reißen jubelnd die Arme in die Luft. Blue von Eiffel 65 wird aufgelegt. Vielleicht erinnern sie sich an die Zeit, als sie noch keine Geeks waren, selber noch Fußball spielten und ein altes Radio neben dem Torpfosten stand, das Liquido mit Narcotic spielte und Eiffel 65.

In Diskotheken erlebt man die großartigsten Verirrungen des menschlichen Balzverhaltens. Als er von der Theke mit seinem Bier zurückkommt, tanzt ein Typ eines der Mädchen an mit denen J. im Club ist. J. bemerkt das etwas zu spät, weicht dann aber höflich zurück. Wohl etwas zu ruckartig, denn die Mädchen fangen ob dieser Geste zu lachen an. Der antanzende Typ fühlt sich entblößt und verzieht sich.

02. Juni 2009

Lebenskunst — Sven Erlenborn on June 3, 2009 at 00:50

Ein Glück ist Sommer, denn er hat alle seine drei Hosen und den Trainingsanzug gleichzeitig gewaschen. Nur die eine einzige Shorts ist übrig und so läuft er herum, wie vermutlich und hoffentlich Charlie Sheen an irgendeinem kalifornischen Strand herumläuft. Eigentlich läuft J. auch gar nicht herum, er geht nicht einmal an die Lahn, nur kurz zum Rewe. Die Wiese an der Lahn ist derzeit verseucht mit glitzernden kleinen Käfern und lauten Studenten, die hat er im Rewe gesehen, die lauten Studenten. Mit kleinen glitzernden Käfern im Nacken.

Stattdessen sitzt er daheim, hört sich das neue Album von Phoenix an, lauscht Sebastian Krämer und Volker Strübing, schaut eine Folge Greek, entdeckt unerwartet einen guten Artikel über das politisch aktive Netz ausgerechnet bei SpiegelOnline und trinkt ein Bier, während Mario Gomez vier Tore schießt.

Und J. weiß, dass er den Tag hätte sinnvoller verbringen können. Und er überlegt, wie er einen derart ereignislosen Tag rechtfertigen sollte, müsste er denn.

Randnotiz

Randnotiz — Sven Erlenborn on June 1, 2009 at 22:45

Bruno Balz soll das Lied “Davon geht die Welt nicht unter” für Zarah Leander geschrieben haben, während er in Gestapo-Haft für seine Homosexualität gefoltert wurde und kurz vor der Einweisung ins Konzentrationslager gewesen ist. Diese Ausgeburt eines Optimisten. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht ganz im Gegenteil, er befand sich unterhalb der Talsohle, in der Hölle auf Erden. Vielleicht wünschte er sich nur noch, dass die Welt untergeht. Vielleicht machte er auch nur seinen Job.

*

Kürzlich stand in der Zeitung, dass das Dr. Sommer-Team der Bravo nach letzten Studien nicht zu dem Schluss gekommen sei, dass die derzeitige Generation von Teenagern eine durch den Einfluss von Pornographie zerstörte Jugend durchlebe. Vielmehr nagt an ihnen die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Familie, aufrichtiger Freundschaft und ehrlicher Zuneigung. Immer früherer Sex, Gewaltbereitschaft, exhibitionistische Internetprofile und Drogenkonsum sind nur die Flucht nach vorn. Die Suche nach Anerkennung. Die Suche nach Leben und Liebe.

*

Der glücklich Verliebte schmeißt das Koks von der Brücke. Der unglücklich Verliebte springt selbst.

*

Auf die Frage, ob man der Meinung sei, dass sich die Welt nur um einen selbst drehe, kann man doch nur antworten:
Natürlich. Natürlich dreht sich meine Welt nur um mich. Und wenn ich mal nicht mehr bin, dann geht meine Welt unter.

31. Mai 2009

Randnotiz — Sven Erlenborn on May 31, 2009 at 19:06

Er wacht auf der nackten Matratze auf. Sein Körper fühlt sich dreckig an, ungewaschen.
Zögernd macht er die Augen auf.

Ein Stempel auf der Innenseite seines Unterarms: Kopie.

27. Mai 2009

Lebenskunst — Sven Erlenborn on May 30, 2009 at 16:05

“Und… wen wählst du bei der Europawahl?”
Vor J. steht ein fein gestutzter Typ in einem blau-weiß gestreiften Hemd, das vermutlich teuer gewesen ist.
- “Ich schwanke noch.”
“Zwischen wem? Wenn ich fragen darf.”
- “Zwischen SPD. Und FDP. Und…” J. setzt an alle zur Wahl stehenden Parteien aufzuzählen, alle, bis auf CDU/CSU, wird aber von dem dümmlichen Grinsen seines Gegenüber und einem freundschaftlichen Schlag auf die Schulter unterbrochen.
“Wähl’ die Silvana. Silvana Koch-Mehrin.”
- “Hm?” Die Musik im Club ist laut.
“Wähl’ Silvana Koch-Mehrin.”
- “Warum?” Warum gehe ich auf dieses Gespräch ein, fragt er sich, ich würde mich nichtmal mit diesem Typen über Politik unterhalten, wenn wir beide nüchtern wären.
“Hast du dir die mal angeguckt? Und das Wahlplakat erst. Die attraktivste deutsche Politikerin.”
Der Typ lacht. J. lacht auch. Die Höflichkeit unter Betrunkenen. Am liebsten wäre J. wütend und kopfschüttelnd gegangen und hätte den Typen allein stehen gelassen.

23. Mai 2009 (4)

Lebenskunst — Sven Erlenborn on May 29, 2009 at 13:25

“Lass uns noch ins Bolschoi.” Der Gefährte ist motiviert.
- “Es ist gleich vier. Selbst das Bolschoi macht bald dicht.”
“Ja, komm, was spricht denn dagegen. Spricht doch nichts dagegen. ‘N Bier noch.”
- “Nee. Keine Ahnung. Weiß nicht.”
“Spricht doch nichts dagegen. Ich zahl auch.”
- “Ja, genau, du zahlst…” J. lacht. “Nee. Ach was. Scheiß drauf. Aber nur ein Bier.”
“Jawoll! Du bist der Beste!”

Das Bolschoi liegt in der Nähe vom Ketzerbach, im Fenster hängt ein Portrait von Karl Marx und an der Tür steht in großen Lettern geschrieben “Keine Feier ohne Meier”. Trotz der Portraits und des Namens ist das Bolschoi keine sozialistische Kneipe in der sich Punks und überzeugte Linke und Kommunisten tummeln, zumindest am Wochenende nicht. Im Bolschoi sitzen Studenten, die ihre politische Haltung als links bezeichnen, weil es gerade unglaublich angesagt sein soll, links zu sein. Studenten deren alternatives Outfit inklusive Chucks und Wrangler-Jeans mehr kostet als ein guter Anzug. Studenten, die sich so danach sehnen, ein aufregendes, originelles Leben zu führen, dass sie ins Bolschoi gehen, weil das Bolschoi Kult ist und man cool, wasted und abgefuckt ist, wenn man am Wochenende im Bolschoi versackt ist. Nur, dass diese Studenten nie wirklich versacken, dass diese Abende genauso durchgeplant sind wie ihr restliches spießiges Leben. Und diese Idioten denken, dass niemand hinter ihre billige, widernatürliche Maske blicken kann.

Es ist schon peinlich, wenn man dann wirklich im Bolschoi versackt, weil es einfach der letzte Laden ist, der noch auf hat. Der Gefährte und J. ziehen sich an den hintersten Tisch zurück. Im Anzug im Bolschoi.

Das einzige Original hier ist der Wirt, der Günther, sein bester Kunde und vielleicht ein bisschen irre.

Der Gefährte fragt ein Mädel vor ihm an der Theke, ob sie seine zwei Bier gleich mitbestellen könne und das Mädel bestellt die zwei Bier mit. “Macht sechs”, grunzt Günther, der Gefährte zahlt mit seinem letzten Schein für zwei der drei Bier, ‘nen Euro mehr, fünfundzwanzig Prozent Trinkgeld.

“Das sich so hübsche Mädchen…” Der Gefährte reicht J. sein Bier, klettert zu seinem Stuhl und die beiden stoßen an.
“Das sich so hübsche Mädchen solchen Versagern an den Hals werfen. Solchen ekligen Lügnern.”
Der Gefährte schüttelt den Kopf. J. nickt.
“Is’ mir unverständlich, is’ mir das.”

Plötzlich steht das Mädel und Freundin bei ihnen am Tisch.
“Hast du alles bezahlt? Der Günther ist voll sauer.”
- “Klar. Hab’ sogar ‘nen Euro Trinkgeld gegeben.”
“Sechs Euro…”
- “Nee, fünf. Das dritte Bier war ja euch.”
“Komm ma’ mit, zum Günther.”
- “Ich bin eh pleite.”
“Komm ma’ mit.”

J. nippt an seinem Bier, beobachtet das Ganze und muss grinsen. Im Bolschoi gibt’s immer Geschrei.

“SCHEISSE!!” Günther ist außer sich.
“SCHEISSE! Was versteckst du dich auch hinter dem Mädel!? Soll ich mir hier merken, wer mit wem und was!? Weißt du, wie voll das hier ist!? SCHEISSE! Siehst du, wie voll das hier ist!? DU ARSCHLOCH!”
- “Guck ma, Günther…” Setz der Gefährte an.
“NEE! DU VERDAMMTES ARSCHLOCH! Und jetzt reden hier alle auf mich ein!”
- “Eigentlich nur ich…”
“Kommst in deinem Anzug hier rein und dann bezahlst du nicht mal. SCHEISSE!”
- “Also, wie jetzt!?” Der Gefährte lacht wütend. “Was hat’n mein Anzug damit zu tun? Und ich hab bezahlt!”

Irgendein Jüngling mit grauer Stoffhose und grauem Fedora bezahlt den Euro.

Der Gefährte kommt lachend zurück. “Was’n Wahnsinn. Immer das gleiche hier. Und das Mädchen, oder wem auch immer das dritte Bier war, hat jetzt nichts bezahlt.”
- “Nur Versager hier.”
“Jawoll. Nur Versager hier. Und machen mich wegen so ‘nem billigen Anzug an.”

23. Mai 2009 (3)

Lebenskunst — Sven Erlenborn on May 27, 2009 at 17:01

Er ist Chipleader als J. ungefähr ein Drittel seiner Chips trotz eines King Flush an Cpt. Handsome verliert. Der Gefährte und Chandler müssen schon arg knausern, sich jedesmal genau überlegen, ob sie sich den Flop überhaupt ansehen. Im Hintergrund läuft zur Entspannung der von allen geliebte Grand Prix der Volksmusik. Sie sitzen zu fünft bei “Four Fingers”, alle in Anzug, und der Whisky, The Glenlivet, ein Single Malt Scotch, zeigt langsam seine Wirkung.

Die Blinds werden erhöht, das Spiel wird angespannter und es redet nur, wer bereits ausgestiegen ist. Der Gefährte scheidet aus, weil er J.’s All-In called, doch auch J. spielt einige Runden später nicht mehr mit, weil er zwei weitere Male den eigentlich unerfahrenen Cpt. Handsome unterschätzt.

Als das Heads Up zwischen “Four Fingers” und Handsome seinen Höhepunkt erreicht, liegen die kubanischen Zigarren bereits auf dem Ascher und die zweite Flasche, diesmal günstiger Jack Daniel’s, wird angebrochen. Die Ausgeschiedenen unterhalten sich über das schlechte Fernsehprogramm und Jugenderinnerungen, beobachten das schnelle Ende nur nebenbei.

Der Abend klingt aus. Gegen zwanzig vor vier, treten der Gefährte und J. den Heimweg an. J. liebt es im Anzug durch die Stadt zu laufen.

23. Mai 2009 (2)

Lebenskunst — Sven Erlenborn on May 26, 2009 at 18:06

Vom Marburger Hauptbahnhof aus marschiert statt spaziert J. zu seiner Wohnung. Dort angekommen hängt er seinen Kleidersack an die Tür der Herrenkomode, gibt seine Sportwetten ab, telefoniert und macht sich schließlich wieder auf den Weg.

Der Gefährte und “Four Fingers” haben gerade ihr Radler bestellt, man will es heute langsam angehen lassen, als J., den Blick starr auf den Fernseher gerichtet, das Graceland betritt. “Was verpasst?” Er stellt die Frage in den Raum. “Sechsundneunzig gleich am Anfang Eigentor und die Wölfe führen, Misimovic war’s.” - “Scheiße.”

Das Graceland ist voll mit Bayern-Fans und -Feinden, Eintracht-Fans und ein paar Ossis, die Cottbus anfeuern. J. selbst ist für Bremen, aber die bekommen die volle Packung, also bestellt er sich ‘nen Burger.

“Hast den Anzug abgeholt?” - “Klar.” - “Hast dich in Gießen verlaufen? Warst ganz schön lang unterwegs.” - “Nee, in falschen Zug eingestiegen und durch ganz Hessen gefahren.” Der Gefährte lacht.

Die Bedienung beschwert sich, sie wollte ursprünglich selber Fußball schauen, habe jetzt aber einspringen müssen, weil sie gerade hier war und die andere Aushilfe nicht und nie wieder werde sie zum Fußball schauen ins Graceland kommen. Der King hingegen hockt an der Bar, beobachtet genau wie seine Gäste die Konferenz-Übertragung und zieht seelenruhig an einer seiner dünnen Zigaretten, das Geschirrhandtuch auf seinem Oberschenkel liegend. J. gibt fünfzig Cent Trinkgeld und widmet sich seinem Burger.

Die Wölfe werden Meister vor den Bayern, Hamburg schafft’s in die Europaliga-Qualifikation, der BVB nicht, KSC setzt Himmel und Hölle vergeblich in Bewegung und Energie Cottbus rettet sich auf den Relegationsplatz.

“Um sieben dann bei dir.” - “Vergesst den Koffer nicht. Und besorgt mal noch ‘ne zweite Flasche Whiskey. Den anderen bringt ihr ja eh mit. Den guten.”

23. Mai 2009

Lebenskunst — Sven Erlenborn on May 25, 2009 at 20:30

Als die Lautsprecher durchsagen, dass der Zug in Kürze den Bahnhof in Sinn erreiche, blickt J. zum ersten Mal stutzig von seiner Tageszeitung auf. Er erinnert sich an die blauen Autobahnschilder mit dem weißen Pfeil nach rechts und der ebenfalls weißen Aufschrift Sinn und muss kurz schmunzeln, doch dann wird ihm langsam klar, dass Sinn nicht zwischen Gießen und Marburg liegt. Er sitzt im falschen Zug und auch schon viel zu lang. Säße er im richtigen Zug, er hätte Marburg längst erreicht.

In Dillenburg, der Endstation des falschen Regio, faltet er seine Zeitung, fasst seinen Kleidersack am Bügel und steigt aus. Kleidersack klingt eigentlich profan, wenn man bedenkt, dass meist teurere Kleidungsstücke wie Anzüge darin transportiert werden, denkt er, während er den Fahrplan betrachtet. Es gibt keine direkte Verbindung zwischen Dillenburg und Marburg, nur der Regio, aus dem er gerade gestiegen ist, fährt gleich zurück nach Gießen.

Um drei erwartet man ihn im Graceland. Es ist der letzte Spieltag und er hat seine Sportwetten auch noch nicht abgegeben.

Drachenjagd — Sven Erlenborn on May 11, 2009 at 22:23

Es regnet wie aus Eimern. Was für ein Klischee, denkt J., und verschränkt die Arme. Weniger aus Abwehr, es ist einfach schweinekalt in dem nassen Anzug. Nur Miss A. und Miss C. haben Regenschirme, schwarze Regenschirme, passend zu ihren schwarzen Outfits, die etwas weniger knapp sind als sonst, aus gegebenem Anlass. Die beiden Klempner sind etwas irritiert. J. wundert das nicht, dort wo sie leben, regnete es bekanntermaßen nie. Trotz der Nässe sitzt Takenobu Mitsuyoshi an einem Flügel und spielte eine langsame und traurige Fassung von “Let’s Go Away”.

Ein junger Mann mit blonden Haaren und grünen Outfit wirft eine Rose hinab ins Grab. Ältere, deren Jugend schon etwas länger zurückliegt, hielten ihn, begegnete er ihnen auf der Straße, wahrscheinlich für einen Verrückten, der sich als Peter Pan oder Robin Hood verkleidet hat.

Der Sarg, der dort unten bereits zur Hälfte im Wasser versinkt, ist leer. Der verstorben Erklärte brach vor 13 Jahren in eines seiner zahlreichen Abenteuer auf und wurde erst jetzt für Tod erklärt. Könnte er seine eigene Beerdigung beobachten, er ließe einen kernigen Spruch ab, Zigarren statt Rosen oder irgendwas zu den Dekolletés der anwesenden Frauen.

In einiger Entfernung sieht man Petty Officer John-117 neben einem Baum stehen, gemeinsam mit einem blutverschmierten Serbier, der unruhig seinen Blick über das Gelände wandern lässt, mit einer Hand unter seine Lederjacke greifend.

Während die Trauergemeinde den Friedhof verlässt, bleibt Diva Plava Laguna allein zurück und singt “Still Alive”. Eine riesenhafte Gestalt mit Pelzkapuze, neben ihm liegt ein Bär mit blind starrenden Augen, schaufelt grimmig die Erde ins Grab.

“Go ahead and leave me.
I think I prefer to stay inside.
Maybe you’ll find someone else
to help you.
Maybe Black Mesa…
That was a joke. Haha. Fat Chance.”

The cake was a lie.

Lebenskunst — Sven Erlenborn on May 4, 2009 at 15:49

Sein ganzes Körpergewicht nutzt er um die Tür zum Graceland zu öffnen. Es ist Montagmorgen, da ist ein schwungvolles Aufziehen unangebracht. So hat er zumindest genug Zeit die Plakate zu lesen. “The Wombats, Dio und The Ting Tings morgen auf dem Bevrijdingsfestival - freier Eintritt(!)” und “Long Distance Calling am 07. im Elfer Music Club”. Für letztere hat er schon Karten.

J. sieht übermüdet aus, was nicht etwa an mangelnder Nachtruhe liegt, sondern am Montagmorgen. Ein schwungvolles Auftreten, ein Wach-Sein, ist da unangebracht. Der King schaut auf.

“Wie siehst du denn aus!?”
“Is’ Montag.”
“Weiß ich. Mein’ nicht dein Gesicht. Mein’ deinen… Pulli.”
“Is’ ‘ne Thermojacke. Hab’ vergessen zu waschen. ‘n Becher Frank, bitte.”

Der Barhocker kippt bedrohlich als J. sich unbeholfen an die Theke hievt. Er schlägt die Zeitung auf.

“Gib mal Sport.”
“Les’ selber gerade.”
“Du liest doch den Sportteil sonst immer zuerst… daheim beim Frühstück.”
“Is’ Montag.”

Die Kaffeemaschine, größer als ein durchschnittlicher Kühlschrank, klingt als würde sie gleichzeitig Kaffeebohnen importieren und mahlen, Grundwasser abpumpen, aufbereiten und kochen.

“Auf Schalke wollen ’se jetzt also den Magath.”
“Na, dann ist Schalke nächste Saison ja heißer Titelkandidat.”
“Auf den Titel: Auch unter Meistertrainer Magath nicht Meister.”
Der King grinst.

J. stürzt den Kaffee hinunter, faltet die Zeitung und steht auf.
“Muss los.”
“Was hast denn noch vor?”
“Nichts.”
Er deutet den militärischen Gruß mit zwei Fingern an.
“Is’ doch Montag.”

Ende März: SCHNEE.

Randnotiz — Sven Erlenborn on March 25, 2009 at 09:58

Schnee

Schnee

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