“Lass uns noch ins Bolschoi.” Der Gefährte ist motiviert.
- “Es ist gleich vier. Selbst das Bolschoi macht bald dicht.”
“Ja, komm, was spricht denn dagegen. Spricht doch nichts dagegen. ‘N Bier noch.”
- “Nee. Keine Ahnung. Weiß nicht.”
“Spricht doch nichts dagegen. Ich zahl auch.”
- “Ja, genau, du zahlst…” J. lacht. “Nee. Ach was. Scheiß drauf. Aber nur ein Bier.”
“Jawoll! Du bist der Beste!”
Das Bolschoi liegt in der Nähe vom Ketzerbach, im Fenster hängt ein Portrait von Karl Marx und an der Tür steht in großen Lettern geschrieben “Keine Feier ohne Meier”. Trotz der Portraits und des Namens ist das Bolschoi keine sozialistische Kneipe in der sich Punks und überzeugte Linke und Kommunisten tummeln, zumindest am Wochenende nicht. Im Bolschoi sitzen Studenten, die ihre politische Haltung als links bezeichnen, weil es gerade unglaublich angesagt sein soll, links zu sein. Studenten deren alternatives Outfit inklusive Chucks und Wrangler-Jeans mehr kostet als ein guter Anzug. Studenten, die sich so danach sehnen, ein aufregendes, originelles Leben zu führen, dass sie ins Bolschoi gehen, weil das Bolschoi Kult ist und man cool, wasted und abgefuckt ist, wenn man am Wochenende im Bolschoi versackt ist. Nur, dass diese Studenten nie wirklich versacken, dass diese Abende genauso durchgeplant sind wie ihr restliches spießiges Leben. Und diese Idioten denken, dass niemand hinter ihre billige, widernatürliche Maske blicken kann.
Es ist schon peinlich, wenn man dann wirklich im Bolschoi versackt, weil es einfach der letzte Laden ist, der noch auf hat. Der Gefährte und J. ziehen sich an den hintersten Tisch zurück. Im Anzug im Bolschoi.
Das einzige Original hier ist der Wirt, der Günther, sein bester Kunde und vielleicht ein bisschen irre.
Der Gefährte fragt ein Mädel vor ihm an der Theke, ob sie seine zwei Bier gleich mitbestellen könne und das Mädel bestellt die zwei Bier mit. “Macht sechs”, grunzt Günther, der Gefährte zahlt mit seinem letzten Schein für zwei der drei Bier, ‘nen Euro mehr, fünfundzwanzig Prozent Trinkgeld.
“Das sich so hübsche Mädchen…” Der Gefährte reicht J. sein Bier, klettert zu seinem Stuhl und die beiden stoßen an.
“Das sich so hübsche Mädchen solchen Versagern an den Hals werfen. Solchen ekligen Lügnern.”
Der Gefährte schüttelt den Kopf. J. nickt.
“Is’ mir unverständlich, is’ mir das.”
Plötzlich steht das Mädel und Freundin bei ihnen am Tisch.
“Hast du alles bezahlt? Der Günther ist voll sauer.”
- “Klar. Hab’ sogar ‘nen Euro Trinkgeld gegeben.”
“Sechs Euro…”
- “Nee, fünf. Das dritte Bier war ja euch.”
“Komm ma’ mit, zum Günther.”
- “Ich bin eh pleite.”
“Komm ma’ mit.”
J. nippt an seinem Bier, beobachtet das Ganze und muss grinsen. Im Bolschoi gibt’s immer Geschrei.
“SCHEISSE!!” Günther ist außer sich.
“SCHEISSE! Was versteckst du dich auch hinter dem Mädel!? Soll ich mir hier merken, wer mit wem und was!? Weißt du, wie voll das hier ist!? SCHEISSE! Siehst du, wie voll das hier ist!? DU ARSCHLOCH!”
- “Guck ma, Günther…” Setz der Gefährte an.
“NEE! DU VERDAMMTES ARSCHLOCH! Und jetzt reden hier alle auf mich ein!”
- “Eigentlich nur ich…”
“Kommst in deinem Anzug hier rein und dann bezahlst du nicht mal. SCHEISSE!”
- “Also, wie jetzt!?” Der Gefährte lacht wütend. “Was hat’n mein Anzug damit zu tun? Und ich hab bezahlt!”
Irgendein Jüngling mit grauer Stoffhose und grauem Fedora bezahlt den Euro.
Der Gefährte kommt lachend zurück. “Was’n Wahnsinn. Immer das gleiche hier. Und das Mädchen, oder wem auch immer das dritte Bier war, hat jetzt nichts bezahlt.”
- “Nur Versager hier.”
“Jawoll. Nur Versager hier. Und machen mich wegen so ‘nem billigen Anzug an.”