Herzlichen Glückwunsch zum 111. Geburtstag!

SV Werder Bremen
Lachsig riecht es in der Küche und er kann es sich beim besten Willen nicht erklären. Gut, es hatte Lachs zum Abendessen gegeben, Bandnudeln mit Lachs, Brokkoli, Sahnesoße und der salzige Geschmack des Fisches, wohl geräuchert, hatte das Gericht dominiert. Aber das sollte ihn doch im Gaumen verfolgen und nicht in der Nase.
Lachsig ist natürlich angenehmer als der stechende Geruch von Ammoniak und Essig. Den ganzen Vormittag hatte er seine Bude aufgeräumt, seine Eltern hatten sich angemeldet oder, besser gesagt, er hatte sie an Weihnachten eingeladen. Beim Klarschiffmachen musste er auch einige reichlich alte Bierflaschen entsorgen, die so elendig nach Ammoniak und Essig stanken.
Die Schufterei, in Verbindung mit einem Spaziergang im Schnee durch den alten Stadtgarten, hat aber einen gewaltigen Vorteil: Jonas ist tatsächlich müde. Wie großartig wäre es, denkt er sich, wenn sich das durchsetzte. Endlich wieder abends müde und nicht mehr morgens, wenn das Bett so schön warm ist, man aber nicht mehr schlafen darf, weil schon wieder ein neuer Tag beginnt.
Und dann sind da diese Momente, diese Gedanken, diese, vielleicht nur für einen selbst, klugen Einfälle, wenn man, zum Beispiel, nur als ein möglicher Zeitpunkt und Ort aus unendlichen vielen, in schwarzer Wohlfühl-Jogginghose und blauem, weichwarmem Bademantel am Abend, draußen fallen dicke Schneeflocken wild tanzend vom Himmel, völlig zufrieden mit dem Augenblick, in der Küche sitzt und den Löffel in den sahnigen Schokoladenpudding taucht; Dieses Aufblitzen im Gehirn und plötzlich fällt einem, wiedermal, doch das letzte Mal hat man unlängst vergessen, auf, wie unendlich verknüpft diese Welt ist, auf eine Weise, dass sie einem nicht klein, sondern, im Gegenteil, wie ein riesiges, prachtvolles, unfassbares Wunder vorkommt – obwohl man womöglich nur auf eine Banalität, eine Randnotiz aufmerksam wird.
“Vielleicht”, denkt Jonas und leckt genüsslich den Löffel ab, “bezieht sich Stiller von Wir sind Helden auf den gleichnamigen Roman von Max Frisch. Das mir sowas nicht früher auffällt.”
auch hier sei immer alles versammelt, alle Zustände der Kultur und Moral, alles, vom Frühesten bis zum Spätesten, vom Dümmsten bis zum Gescheitesten, vom Urtümmlichsten, Dumpfesten, Wildesten bis zum Höchst- und Feinstentwickelten bestehe allezeit nebeneinander in dieser Welt, ja oft werde das Feinste müd’ seiner selbst, vergaffe sich in das Urtümliche und sinke trunken ins Wilde zurück.
“Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull” von Thomas Mann.

FSK ab 18.
Dieser Eintrag ist aus Gründen des Jugendmedienschutzes gesperrt. Er kann sexuelle Handlungen, Fluch- und Schimpfwörter, Alkohol-, Tabak- und Drogenkonsum sowie Gedankengut der Opposition und Mindermeinungen enthalten.
Sollten Sie diesen Eintrag dennoch lesen wollen, legen Sie bitte ein Benutzerkonto an und weisen Sie ihre Volljährigkeit durch Zusendung einer Personalausweiskopie nach. Um diesen Eintrag zu kommentieren, senden Sie uns bitte zusätzlich eine Kopie ihrer staatlichen Prüfungsergebnisse, damit wir nachvollziehen können, dass Sie ein ideologisch gefestigtes Meinungsbild besitzen. Sollten Sie einwilligen, dass wir die staatlichen Unterlagen ihrer Internet- und Telekommunikationsnutzung, ihres Medienkonsums und ihr EU-weites Vorstrafenregister einsehen dürfen, kann dies den Validierungsprozess beschleunigen.
Vielen Dank für ihr Verständnis.
Mit freundlichen Grüßen
Sven Erlenborn
Seit dem 10. Januar rettet Chuck, Special Agent durch Zufall und wider Willen, wieder die Welt. Seit Tagen sollte hier darauf aufmerksam gemacht, nur fiel mir keine passende Art und Weise ein. Nun postete Anke einen Link zu Styxs “Mr. Roboto” und ich erinnerte mich an ein Video auf YouTube, das Fans bastelten, als Chuck kurz vor dem Aus stand. Chuck läuft montags um 8:00pm Eastern Time auf NBC.
Mit dem Rücken stemmt sich Jonas gegen die Tür des Graceland, drückt mit dem Ellbogen mühsam die Klinge runter, rutscht im Schnee, der immer neu im Eingangbereich liegt, aus und landet unsanft auf dem Arsch. Die Tür schwingt zurück und schlägt ihm auf halben Weg gegen die Schulter. “Das war knapp”, murmelt er, als er sich aufrappelt, Hände und Arme immer noch schützend um ein großes, eingerahmtes Goodfellas-Poster gelegt.
– “Was willst du denn mit dem riesigen Plakat hier?”
“Martin Scorsese hat gestern den Ehrenpreis beim Golden Globe gewonnen. Hab’ kein Poster von ihm selbst gefunden, aber das hier muss jetzt aufgehängt werden.”
– “Was? Hier?”
“Eigentlich bei mir, aber keine schlechte Idee. Wir können’s auch hier aufhängen.”
– “Du kannst hier doch nicht deine eigenen Poster anschleppen. Wohin denn überhaupt?”
“Wie wär’s mit… direkt da, neben den neuen Fernseher.”
Testweise hält Jonas das Poster an die Wand neben dem neuen Plasma-Bildschirm.
“Sieht doch schick aus.”
– “Aja. Mach doch, was du willst.”
Persönliche Favoriten sind mit dem ♥-Symbol gekennzeichnet, Tipps mit ☒. (Die tatsächlichen Gewinner werden nachträglich mit einem ★ hervorgehoben.) Wenn kein persönlicher Favorit angegeben ist, habe ich keinen der Filme gesehen, sondern nur über sie gelesen. Die Kategorien “Best Foreign Language Film” und “Best Mini-Series Or Motion Picture Made for Television” (sowie dementsprechend Best Performances by in diesen Kategorien) lasse ich außen vor, weil ich die Filme überhaupt nicht kenne.
Die Begründung der Auswahl und einige Gedanken zum Golden Globe gibt’s auch erst nachträglich, weil die Show ja gleich schon startet und jetzt keine Zeit mehr ist.
Best Motion Picture – Drama
– Avatar ★
– The Hurt Locker ☒
– Inglourious Basterds ♥
– Precious: Based On The Novel Push By Sapphire
– Up In The Air
Best Performance by an Actress in a Motion Picture – Drama
– Emily Blunt (The Young Victoria)
– Sandra Bullock (The Blind Side) ★
– Helen Mirren (The Last Station)
– Carey Mulligan (An Education) ☒ ♥
– Gabourey Sidibe (Precious: Based On The Novel Push By Sapphire)
Best Performance by an Actor in a Motion Picture – Drama
– Jeff Bridges (Crazy Heart) ♥ ★
– George Clooney (Up In The Air) ☒
– Colin Firth (A Single Man)
– Morgan Freeman (Invictus)
– Tobey Maguire (Brothers)
Best Motion Picture – Comedy Or Musical
– (500) Days Of Summer ♥
– The Hangover ☒ ★
– It’s Complicated
– Julie & Julia
– Nine
Best Performance by an Actress in a Motion Picture – Comedy Or Musical
– Sandra Bullock (The Proposal)
– Marion Cotillard (Nine)
– Julia Roberts (Duplicity)
– Meryl Streep (It’s Complicated) ☒
– Meryl Streep (Julie & Julia) ★
Best Performance by an Actor in a Motion Picture – Comedy Or Musical
– Matt Damon (The Informant!)
– Daniel Day-Lewis (Nine)
– Robert Downey Jr. (Sherlock Holmes) ★
– Joseph Gordon-Levitt ((500) Days Of Summer) ☒ ♥
– Michael Stuhlbarg (A Serious Man)
Best Performance by an Actress In A Supporting Role in a Motion Picture
– Penélope Cruz (Nine)
– Vera Farmiga (Up In The Air) ☒
– Anna Kendrick (Up In The Air) ♥
– Mo’nique (Precious: Based On The Novel Push By Sapphire) ★
– Julianne Moore (A Single Man)
Best Performance by an Actor In A Supporting Role in a Motion Picture
– Matt Damon (Invictus)
– Woody Harrelson (The Messenger)
– Christopher Plummer (The Last Station)
– Stanley Tucci (The Lovely Bones)
– Christoph Waltz (Inglourious Basterds) ☒ ♥ ★
Best Animated Feature Film
– Cloudy With A Chance Of Meatballs
– Coraline
– Fantastic Mr. Fox
– The Princess And The Frog
– Up ☒ ♥ ★
Best Director – Motion Picture
– Kathryn Bigelow (The Hurt Locker)
– James Cameron (Avatar) ★
– Clint Eastwood (Invictus)
– Jason Reitman (Up In The Air) ☒
– Quentin Tarantino (Inglourious Basterds) ♥
Best Screenplay – Motion Picture
– Neill Blomkamp, Terri Tatchell (District 9)
– Mark Boal (The Hurt Locker)
– Quentin Tarantino (Inglourious Basterds) ♥
– Nancy Meyers (It’s Complicated)
– Jason Reitman, Sheldon Turner (Up In The Air) ☒ ★
Best Original Score – Motion Picture
– Michael Giacchino (Up) ★
– Marvin Hamlisch (The Informant!)
– James Horner (Avatar) ☒ ♥
– Abel Korzeniowski (A Single Man)
– Karen O and Carter Burwell (Where The Wild Things Are)
Best Original Song – Motion Picture
– “Cinema Italiano” (Nine)
– “I See You” (Avatar) ☒
– “I Want To Come Home” (Everybody’s Fine)
– “The Weary Kind” (Crazy Heart) ♥ ★
– “Winter” (Brothers)
Best Television Series – Drama
– Dexter
– Big Love
– House
– Mad Men ☒ ★
– True Blood ♥
Best Performance by an Actress In A Television Series – Drama
– Glenn Close (Damages)
– January Jones (Mad Men) ☒ ♥
– Julianna Margulies (The Good Wife) ★
– Anna Paquin (True Blood)
– Kyra Sedgwick (The Closer)
Best Performance by an Actor In A Television Series – Drama
– Simon Baker (The Mentalist)
– Michael C. Hall (Dexter) ★
– Jon Hamm (Mad Men)
– Hugh Laurie (House) ☒ ♥
– Bill Paxton (Big Love)
Best Television Series – Comedy Or Musical
– 30 Rock ☒
– Entourage
– Glee ♥ ★
– Modern Family
– The Office
Best Performance by an Actress In A Television Series – Comedy Or Musical
– Toni Collette (United States Of Tara) ★
– Courteney Cox (Cougar Town)
– Edie Falco (Nurse Jackie)
– Tina Fey (30 Rock) ☒
– Lea Michele (Glee) ♥
Best Performance by an Actor In A Television Series – Comedy Or Musical
– Alec Baldwin (30 Rock) ☒ ★
– Steve Carell (The Office)
– David Duchovny (Californication) ♥
– Thomas Jane (Hung)
– Matthew Morrison (Glee)
Best Performance by an Actress in a Supporting Role in a Series, Mini-Series or Motion Picture Made for Television
– Jane Adams (Hung)
– Rose Byrne (Damages)
– Jane Lynch (Glee) ☒ ♥
– Janet McTeer (Into The Storm)
– Chloë Sevigny (Big Love) ★
Best Performance by an Actor in a Supporting Role in a Series, Mini-Series or Motion Picture Made for Television
– Michael Emerson (Lost)
– Neil Patrick Harris (How I Met Your Mother) ♥
– William Hurt (Damages)
– John Lithgow (Dexter) ★
– Jeremy Piven (Entourage) ☒
“Endlich hat das Leben wieder einen Sinn”, hört man so ziemlich jeden aufseufzen, der das Graceland betritt. Der Sportsender zeigt die Vorberichterstattung.
“Endlich hat das Leben wieder einen Sinn”, seufzt Jonas, als er mit Zaboo beim Graceland ankommt. Es schneit draußen, eklige, griesige Flocken, die schon in der Luft anfangen zu schmelzen und nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hat, pflückt Jonas erstmal den Schneematsch aus seiner Mütze. Zaboo haut ihm den Ellbogen hart zwischen die Rippen.
“Sag mal, geht’s… Woah!”
Ein riesiger Flachbildfernseher hängt an der Wand.
– “58 Zoll. 147 Zentimeter Bilddiagonale. Plasma. Full HD. Teurer als mein Auto”, erklärt der King und grinst mächtig stolz.
“Nicht dein Ernst.”
– “Was sollte ich machen? Der alte war kaputt. Seit Oktober schon.”
“Nicht. Dein. Ernst.”
-
“Wo ist eigentlich Cpt Handsome?”
– “Der kommt nicht mehr. Wollte noch zu seiner Freundin.”
“Der lässt sich das Bayern-Spiel entgehen!?”
– “Scheint so.”
Ansonsten ist der Laden voll, alle sind da, alle Stammplätze besetzt. Nur der Tisch für die Laufkundschaft, der ungünstig im Schatten der Theke steht, genau so, dass man den Fernseher nicht sehen kann, der ist noch frei.
Der alte Paulie stiefelt breitbeinig, als käme er direkt aus einem billigen Italo-Western, auf Jonas und Zaboo zu. “Jungens, is’ fünf Minuten bis Anpfiff. Wenn’s noch tippen wollt, dann jetzt.”
Aus gegebenem Anlass, der in der schnelllebigen Netzwelt ja längst Schnee von gestern ist, steht in der Überschrift, mehr oder weniger wertungsfrei, das chinesische Schriftzeichen für Google. Genau übersetzt bedeuten die Symbole Lied des Tales, worin DIE WELT eine Anspielung auf Silicon Valley sieht, aber auch, so Times Online, und das könnte einige Kritiker zum Schmunzeln bringen, Harvesting Song.
Jonas schlägt die Tür hinter sich zu und saust an der Theke des Graceland vorbei zum Laptop, pausiert den aktuellen Song und macht Mrs. Robinson von Simon & Garfunkel an.
“Dip dedidip dipdip didip dip dedidip diep”, summt er, als er sich umdreht und den King angrinst.
“And here’s to you, Mrs. Robinson, Jesus loves you more than you will know. Wo, wo, wo. God bless you please, Mrs. Robinson. Heaven holds a place for those who pray. Hey, hey, hey… hey, hey, hey.”
Der King schaut ihn fragend an und schüttelt dann den Kopf.
– “Ich will’s gar nicht wissen.”
“Das ist sehr schade. Du willst also gar nicht wissen, warum ich ausgerechnet heute Mrs. Robinson anmache?”
– “Nein.”
“Naheliegend wäre natürlich, dass ich gestern, wie jeden Monat mindestens einmal, Forrest Gump geguckt habe. Du weißt, die Szene, in der Forrest feststellt, dass Lieutenant Dan nicht mehr im Krankenhaus ist. Die Szene, in der Forrest auch die Medal of Honor bekommt.”
– “Aber du hast dir gestern nicht Forrest Gump angesehen.”
“Nein, habe ich nicht. Aber ich habe die Tage 500 Days of Summer gesehen und da wird zu Beginn The Graduate, also Die Reifeprüfung erwähnt.”
– “Und deswegen bist du auf…”
“Auch falsch!”
– “Erzähl doch einfach.”
“Ich habe den Song Mrs. Robinson eingeschaltet, weil Mrs. Iris Robinson, Ehefrau des ersten Ministers des nordirischen Parlaments, Peter Robinson, sich auf eine Affäre mit einem 40 Jahre jüngeren Mann eingelassen hat.”
– “Und nur deswegen machst du Simon & Garfunkel an?”
“Genau! Auf Facebook wurde sogar eine Gruppe gegründet, das Lied auf Platz 1 der Charts zu bringen. Das ist natürlich unsinnig. Aber der Song ist gut.”
Der King stellt Jonas wortlos einen Becher Kaffee hin.
“Where have you gone, Joe DiMaggio? A nation turns its lonely eyes to you. Wu, wu, wu. What’s that you say, Mrs. Robinson? Joltin’ Joe has left and gone away. Hey hey hey… hey hey hey.”
-
Jonas nimmt einen letzten großen Schluck Kaffee und schiebt dem King den leeren Becher zu.
“Kaffee trinkt man ja auch nur noch wegen dem Geschmack. Früher trank man Kaffee und der Stress fuhr einem förmlich in den Körper. Der Stress und Tatendrang und Begeisterung.”
Der King schenkt nach und macht neben dem Wort Kaffee einen Strich auf den Deckel.
“Apropos Stress, ich habe neulich gelesen, dass eine stressige Kindheit an die eigenen Nachkommen vererbt werden kann… als Depression. Das heißt, dass Evolution jetzt nicht mehr nur das Überleben der zufällig stärkeren Mutation ist, sondern dass die Umstände Lebensformen aktiv verändern können.”
– “Und es bedeutet: Wenn du deinen Kindern Kaffee gibst, hast du später depressive Enkel.”
Miep Gies gehörte zu den Personen, die der Familie Frank halfen, während des Zweiten Weltkriegs in einem Hinterhaus in Amsterdam unterzutauchen. Sie rettete, als die Familie am 04. August 1944 verhaftet wurde, das Tagebuch der Anne Frank aus dem Versteck.
“O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.”
Anne Frank
Tom: “What happened? Why – why didn’t it work out?”
Summer: “What always happens. Life.”
Vier Punkte, für die Avatar, neben der ganzen sogenannten Innovation und den gebrochenen Rekorden, in die Geschichte des Films eingehen sollte:
Welcher Tag im November 2004 es tatsächlich war, ist nicht mehr genau rekonstruierbar, aber http://www.gefreiter-jonas.net wird diesen Monat fünf Jahre alt. Unter dieser URL begann ich zunächst über Videospiele zu schreiben und etwas später auch über mich interessierende Themen und mein Privatleben zu berichten – ganz ohne CMS, denn, obwohl sie längst zum Massenphänomen wurden, waren Blogs mir noch völlig unbekannt. Damals hatte ich im Jahr weniger Besucher als derzeit im Monat und trotzdem war die Resonanz wesentlich größer, obwohl man mir umständlich Mails schicken musste. Mein Mail-Konto nahm mehr Platz meines Webspaces ein als die Seite an sich. Dieser Widerspruch lässt sich wohl nur mit Google und infiltrierenden Spam-Bots erklären. Aber das ist in Ordnung, denn “Jonas”, der King, das Graceland dienen hauptsächlich der Selbsttherapie. Dieses Blog ist tatsächlich noch ein öffentliches Tagebuch, wenn auch einer weitgehend erfundenen Figur.
Eigentlich halte ich nicht viel von Jubiläen, aber da es das Fünfjährige ist und mich diese Zahl ein klein wenig stolz macht, wollte ich es doch erwähnen. Den nächsten Post dieser Art gibt es erst in fünf Jahren, dann vielleicht sogar mit richtigem Rückblick.
Vielen Dank an die auserlesene Schar der Leute, die ab und an vorbeischaut.
It doesn’t matter if you win or lose. It’s whether or not you beat the spread.
Charlie Harper
Von außen sieht das Gebäude aus wie ein hochmodernes Hotel ohne Tradition, hochgezüchtet für den Fremdenverkehr in den Alpen und den Familienurlaub an der Ostsee. Riesige Fenster, egal, auf welcher Seite der Scheibe man steht, keine Vergangenheit. Seine Begleitung parkt den schwarzen Golf und sie schleichen über den Vorhof auf den Eingang zu und müssen trotzdem noch abbremsen, so elendig langsam öffnet sich die Schiebetür, wie das Tor nach Mordor, dem schwarzen Land zwischen Aschen- und Schattengebirge, dem Vorhof der Hölle.
Drinnen riecht es nach nichts, nicht nach Putzmittel, nicht nach alten Leuten, nicht nach Essen, obwohl es elf Uhr ist und direkt gegenüber der Speisesaal liegt. Tatsächlich ist die Eingangshalle fast ohne Eigenschaften, Boden, Wände, Decke, wegführende Flure und grelles, flutendes Licht. Am Ende des Tunnels ist ein helles Licht.
Auf der Suche begegnen sie der Schwiegermutter seiner Tante. Sie ist stark dement, taub, an den Rollstuhl gefesselt und starrt auf ein Bild von einem Leuchtturm. Jonas und seine Begleitung grüßen sie, keine Reaktion. Sie weiß nicht, dass sie angesprochen wurde und selbst wenn, kann sie dem Gesicht keine Person, keine Erinnerung zuordnen. Überall Menschen, die nicht tot sind, aber kaum noch wissen, dass sie leben und schon gar nicht, dass sie gelebt haben. Uralte Babies im Mutterleib.
Etwas weiter starrt sie eine unbekannte Frau an. “Helft mir! Ich mag nicht mehr! Helft mir doch!” Jonas starrt entsetzt zurück, er ist wie angewurzelt. “Helft mir doch!” Im Vorhof der Hölle verführen und locken keine Succubi. Du trittst ein und dir wird die Seele ausgesaugt. Du spürst, wie du innerlich zusammenbrichst. Du spürst, wie das Leben zerbricht. Du befindest dich im Schatten und bald wirst auch du zu Asche geworden sein.
Seine Großmutter sitzt in einem Wintergarten. Sie erkennt die Gesichter als Jonas und seine Begleitung auf sie zukommen, sie lächelt, sie erzählt, wie es ihr geht und wie das Leben hier ist, immer und immer wieder, weil ihr Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert, aber sie erzählt. Und sie sieht glücklich aus. Sie sieht glücklich aus!
Eine Stunde unterhalten sie sich mit ihr und Jonas unterdrückt die Tränen, ist immer froh, wenn seine Begleitung das Gespräch am Laufen hält, während er einfach nur versucht mit der Situation umzugehen.
Seine Oma wird sterben, wahrscheinlich noch vor Weihnachten. Aber sie sieht glücklich aus.
Er schaut aus dem Fenster.
“Danke.”
Jonas sitzt, Oberkörper frei und mit einem Handtuch auf den Oberschenkeln, auf einem alten, rot lackierten Holzstuhl in einem der hinteren Zimmer des Graceland. Der schwarze Pullover aus Schurwolle und das Feinrippunterhemd liegen säuberlich gefaltet auf einem Tisch an der Wand. Durch das Fenster kann man sehen, dass es regnet. Der King packt die elektronische Haarschneidemaschine aus.
– “Von dir hätte ich eigentlich erwartet, dass du regelmäßig ‘nen teuren Friseur besucht. Stattdessen lässt du dich immer nur von mir rasieren.”
“Wieso hättest du das erwartet?”
– “Naja, du bist eher… eitel.”
“Wie kommst du darauf, dass ich eitel bin?”
– “Du nimmst dich immer so wichtig. Dich und deine Ansicht, deine Meinungen, dein Weltbild.”
“Das ist doch nicht eitel. Eitel ist doch eher nach außen, das Auftreten und Aussehen. Ich seh’ doch nicht eitel aus.”
– “Nein, das überrascht mich ja. Aber dein, wie du schon sagst, Auftreten ist eitel. Dein Wesen oder wie man das nennen will.”
“Ich hab’ ja immer das Gefühl, dass ich meinem Wesen zuwider handel. Vielleicht ist auch gerade das mein Wesen, dass ich mir selbst zuwider lebe. Ich wüsste gern, was mein Wesen ist. Das würde vieles erleichtern.”
Der King stellt auf 9 Milimeter, schaltet das Gerät ein, setzt im Nacken an und beginnt zu rasieren.
– “Du bist eitel, faul und geizig. Das ist dein Wesen.”
“Schön, dass zumindest einer Bescheid weiß. Und du bist so ehrlich, dass es oft ins Beleidigende geht. Deine negative Wortwahl… selbstbewusst, ziellos und sparsam klingt viel freundlicher.”
– “Damit ist dir aber auch nicht geholfen.”