aus “Flugasche” von Monika Maron

Literatur — SE am 06.06.2010 um 18:49 Uhr. Kommentare (0).

“Manchmal fühle ich mich um mein Leben betrogen”, sage ich.
Luise sieht auf, mit leichter Abwehr in den Augen. “Nun übertreib mal nicht.”
“Ich übertreibe nicht. Ich werde um mich selbst betrogen. Ich rede gar nicht davon, dass ich im Zeitalter der Weltraumforschung sterben werde, ohne auf dem Montmartre spazierengegangen zu sein, ohne zu wissen, wie es in einer Wüste riecht oder wie eine frische Auster schmeckt. Darüber kann ich mich trösten. In ihren Postkutschen sind unsere Vorfahren auch nicht allzu weit gekommen und haben trotzdem etwas begriffen von ihrer Welt. Der größere Betrug ist: Sie betrügen mich um mich, um meine Eigenschaften. Alles, was ich bin, darf ich nicht sein. Vor jedes meiner Attribute setzen sie ein ‘zu’: du bist zu spontan, zu naiv, zu ehrlich, zu schnell im Urteil… Sie fordern mein Verständnis, wo ich nicht verstehen kann; meine Einsicht, wo ich nicht einsehen will, meine Geduld, wo ich vor Ungeduld zittere. Ich darf nicht entscheiden, wenn ich entscheiden muss. Ich soll mir abgewöhnen, ich zu sein. Warum können sie mich nicht gebrauchen, wie ich bin? Manchmal denke ich, vielleicht wäre ich in anderen Zeiten nützlicher gewesen, als Ordnung, Disziplin und Treue nicht als die obersten Gebote galten. Luise, ein Auto, das man hundert Kilometer mit angezogener Handbremse fährt, geht kaputt. Und ein Mensch, glaubst du, der bleibt heil? Der geht auch kaputt. Er bleibt nicht stehen, fällt nicht um, aber er wird immer schwächer, bringt nichts mehr zustande. Seine wichtigste Beschäftigung wird die Kontrolle über sich selbst, das Verleugnen seiner Mentalität, seiner Gefühle. Er reibt sich auf in dem Kampf gegen sich selbst, stutzt seine Gedanken, ehe er sie denkt, verwirft die Worte, bevor er sie gesprochen hat, misstraut seinen eignen Urteilen, verbietet sich seine Gefühle; und wenn sie sich nicht verbieten lassen, verschweigt er sie. Schlimmer noch: Allmählich beginnt er unter der künstlichen Anmut seiner Persönlichkeit zu leiden und erfindet sich neue Eigenschaften, die ihm Lob und Anerkennung einbringen. Er wird vernünftig, bedächtig, ordentlich, geschäftig. Anfangs zuckt sein misshandelter Charakter noch unter den Zwängen, aber langsam stirbt er ab, wagt sich nur noch in den Träumen hervor. Aber am Tag trägt unser armer gebremster Mensch einen Einheitscharakter, ein schön gemäßigtes, einsichtiges Wesen, bis er eines Tages seine ursprüngliche Art vergessen hat oder schreit vor Schmerz und stirbt.
Noch vierzig oder fünfzig solcher Jahre, Luise, und die Menschen langweilen sich an sich selbst zu Tode. Dann sind die letzten Aufsässigen ausgestorben, und niemand wird die Kinder mehr ermutigen, mit der Welt zu spielen. Sie werden vom ersten Tag ihres Lebens an den knöchernen Ernst dieses Lebens kennenlernen. Ihre Lust wird getilgt durch maßvolle Regelung des Essens, des Spiels, des Lernens. Sie lernen Vernunft, ohne je unvernünftig gewesen zu sein. Armselige kretinöse Geschöpfe werden heranwachsen, und die Schöpferischen unter ihnen werden eine unbestimmte Trauer empfinden und eine Sehnsucht nach Lebendigem. Und wehe, sie finden es in sich selbst. Verstoßene und verlachte Außenseiter werden sie sein. Verrückte, Spinner, Unverbesserliche. Du bist zu lebendig, wird man so einem sagen als schlimmsten Vorwurf. Ich denke nur, unsere Natur ist stärker als jedes noch so perfekte System der Nivellierung und bäumt sich auf, wenn sie zu tief gebeugt wird.”

Leseempfehlung!

Wunschzettel

Literatur — SE am 10.03.2010 um 20:00 Uhr. Kommentare (1).

Ich habe mir auf amazon.de einen Wunschzettel erstellt und diesen in der Navigation verlinkt.

Wie es sich aber verhalte in der übrigen Natur, so auch in der Menschenwelt:

Literatur — SE am 29.01.2010 um 01:37 Uhr. Kommentare (0).

auch hier sei immer alles versammelt, alle Zustände der Kultur und Moral, alles, vom Frühesten bis zum Spätesten, vom Dümmsten bis zum Gescheitesten, vom Urtümmlichsten, Dumpfesten, Wildesten bis zum Höchst- und Feinstentwickelten bestehe allezeit nebeneinander in dieser Welt, ja oft werde das Feinste müd’ seiner selbst, vergaffe sich in das Urtümliche und sinke trunken ins Wilde zurück.

“Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull” von Thomas Mann.

FEUCHTGEBIETE von Charlotte Roche

Literatur — SE am 08.03.2008 um 15:06 Uhr. Kommentare (3).

Seite 102: »Ich habe ihn verstört.«

Zunächst mal möchte ich anmerken, dass ich kläglich versagt habe, was die Erektion betrifft. Ich würde das hier natürlich niemals zugeben, wenn Charlotte Roche nicht schon zugegeben hätte, dass es ihr gegenüber bereits Männer zugegeben haben. Wobei ich der Frau auch zutrauen würde, das einfach nur zu behaupten, weil sie weiß, dass Männer dabei eine Erektion bekommen. Das Buch ist nicht erotisch, es sei denn man bringt einen kleinen Fetisch mit. Komischerweise schafft mein Gehirn es, Schilderungen, welche die Worte Fotze, Klitoris, Schamlippen, Arsch und Nippel enthalten, vollständig aus ihrem Kontext zu lösen, völlig unangebrachte Signale auszusenden und mir einen Ständer aufzudrängen. Dass diese Erkenntnis mich tatsächlich verstört hat, wäre übertrieben ausgedrückt, aber eine gewisse Irritation kann ich nicht abstreiten.

Seite 18: »Mir ist irgendwann klar geworden, dass Mädchen und Jungs unterschiedlich beigebracht kriegen, ihren Intimbereich sauber zu halten. Meine Mutter hat auf meine Muschihygiene immer großen Wert gelegt, auf die Penishygiene meines Bruders aber gar nicht. Der darf sogar pinkeln ohne abwischen und den Rest in die Unterhose laufen lassen.«

Da hilft kein Schütteln und kein Klopfen, in die Hose geht der letzte Tropfen. Klopapier an Urinalen würde auch nur zur Verstopfung der Porzellaneinrichtungen führen. Aber selbstverständlich wird der Penis gewaschen, nur dass einem das im Normalfall vom Vater beigebracht wird. Unter der Vorhaut würden sich sonst auch Schmutzreste bilden (Eichelkäse, den Begriff kennt man ja) und den Gesichtsausdruck des Sexualpartners möchte ich sehen. Wie im Buch so schön festgestellt wird, waschen Nutten die Schwänze ihrer Freier auch vorher. Es ist auch ein Irrglaube, dass sich nur Frauen rasieren. Ich war ja dank der Gemeinschaftduschen bei der Bundeswehr mehr oder weniger gezwungen mir nackte Männer anzusehen und die überwiegende Mehrheit ist untenrum und auch unter den Achseln rasiert. Ebenso falsch ist es, dass die Gesellschaft nicht erwartet, dass Männer ihren Körper so stark pflegen oder dass Männer ohnehin immer mit ihrem äußeren Erscheinungsbild zufrieden sind. Im Drogeriemarkt gibt es mittlerweile immerhin Regale ausschließlich mit Produkten für Männer: After Shave, sensible Creme gegen Unreinheiten im Gesicht, Gesichtsseife, Gesichtspeeling, Gesichtscreme (nicht gegen Unreinheiten), Duschgel, Sportduschgel, Deo, Sportdeo, Shampoo, Parfum, Körpermilch (Body Milk!) und weit mehr. Die verschwitzten Männer im Fitnessstudio oder auf Waldlaufstrecken befinden sich dort nicht nur aus sportlichem Ehrgeiz.

Seite 20: »Mir macht es Riesenspaß, mich nicht nur immer und überall bräsig voll auf die dreckige Klobrille zu setzen. Ich wische sie auch vor dem Hinsetzen mit meiner Muschi in einer kunstvoll geschwungenen Hüftbewegung einmal komplett im Kreis sauber. Wenn ich mit der Muschi auf der Klobrille ansetze, gibt es ein schönes schmatzendes Geräusch und alle fremden Schamhaare, Tropfen, Flecken und Pfützen jeder Farbe und Konsistenz werden von meiner Muschi aufgesogen.«

Alle Erwartungen (oder Befürchtungen), die ich dank der unzähligen Interviews mit Charlotte Roche ja durchaus hatte, wurden übertroffen. Die Protagonistin mag ja recht haben, dass wir es manchmal mit der Hygiene übertreiben. Ich hielt mich für hartgesotten, schließlich hat man sich früher schonmal gegenseitig mit vollgewichsten Taschentüchern oder verschimmelten, vollgebluteten Unterhosen beworfen, aber das Buch erzeugt durch seinen Detailgrad teilweise extremen Ekel. Allerdings hat man sich ab Seite 70, 80 bereits daran gewöhnt.

Letztendlich ist FEUCHTGEBIETE weder besonders originell noch gut geschrieben und ich bin mir sicher, dass es, wäre es nicht von Charlotte Roche, sondern von einer unbekannten Person geschrieben worden, völlig untergegangen wäre. Es ist sicher interessant, es mal gelesen zu haben, aber Prädikate wie “literarisch wertvoll” oder “jetzt schon Kult” hat es auch nicht verdient.

Ich verschicke meine Version des Buches inklusive einer Widmung von mir auf seperatem Karton und ausgedruckten Blogposting an den ersten Interessenten, der sich hier meldet.

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