Heute vormittag organisierten einige meine Mitschüler den sogenannten Abistreich. Ich denke, dass dieser bundesweit Tradition hat und jeder etwas mit dem Begriff verbinden kann. Beim Abistreich überzeugt man die Lehrkräfte ein letztes Mal, dass man nicht reif ist und auch wenn ich mit der Art und Weise der Demonstration dieses Sachverhalts nicht so viel anfangen kann, bin ich doch in jedem Fall der Meinung, dass Reife vollkommen überbewertet wird. Den Abistreich habe ich verschlafen, weshalb ich erst kurz vor elf den Schulhof betrat. Ich hatte mich auch nur eingefunden um die Abizeitung zu kaufen. Die Lektüre eben dieser brachte folgendes an den Tag:
22,34% meiner Mitschüler kennen mich nicht. 17,72% halten mich für schüchtern und haben damit vermutlich auch Recht. Ich könnte aber ebenso zutreffend sagen, dass ich mich nicht mit ihnen unterhalte, weil ich weder Lust noch Thema habe und deshalb folgerichtig, im Gegensatz zu einigen anderen, den Mund halte. Zwei Leute danken mir persönlich. Obwohl ich noch eine Korrektur nachgesendet habe, beinhaltet meine Danksagung einen Flüchtigkeitsfehler. 19,59% meiner Mitschüler ist aufgefallen, dass ich im Unterricht gerne schlafe, während im Beschreibungstext des Informatik-Grundkurses meine ständige Abstinenz (hier allerdings körperlich) sogar seperat vermerkt ist. Meine Jünger geben sich in dem immerhin 368 Seiten starken Blatt nicht zu erkennen, aber Hendrik hält in einigen Zeilen über mich schriftlich und für die Ewigkeit fest, dass ich einen Gott-Status innehatte.
Alles andere bleibt nur in meiner Erinnerung und der meiner Freunde erhalten. Auf jeder Fahrt nach Leer wird mir klar, dass dies nicht mehr mein Schulweg ist. Die Gedanken auf der Fahrt zum Unterricht kehren nicht mehr wieder. Keine Sorgen mehr, ob man die Hausaufgaben noch improvisieren kann. Kein Abwägen, ob man nicht doch gleich den Weg ins Juca einschlägt. Keine geheimen Hoffnungen auf die Rettung durch den Vertretungsplan, dass die entscheidende Lehrkraft wegen Krankheit ent- und der Unterricht ausfällt. Keine Vorfreude auf den Kakao aus dem Mensa-Automaten oder Kaffee von Elli.
Diese Aufzählung lässt sich nicht zum Ende führen. Es tut weh. Ich will diesen Teil des Lebens nicht beenden. Lasst mich Schüler auf Ewigkeit sein. Ich sterbe innerlich.
Goodbye everybody. I’ve got to go. Gotta leave you all behind and face the truth. Mama, I don’t want to die. I sometimes wish I’d never been born at all.
(Queen – Bohemian Rhapsody)
Wir hören Queen mit “Don’t stop me now”.
Tonight I’m gonna have myself a real good time!
I feel alive and the world it’s turning inside out! Yeah!
I’m floating around in ecstasy!
So don’t stop me now, don’t stop me
‘Cause I’m having a good time having a good time!
I’m a shooting star leaping through the skies
Like a tiger defying the laws of gravity!
I’m a racing car passing by like Lady Godiva!
I’m gonna go, go, go!
There’s no stopping me!
I’m burning through the skies! Yeah!
Two hundred degrees,
That’s why they call me Mister Fahrenheit!
I’m trav’ling at the speed of light!
I wanna make a supersonic man of you!
Don’t stop me now! I’m having such a good time!
I’m having a ball, don’t stop me now!
If you wanna have a good time just give me a call!
Don’t stop me now (’Cause I’m having a good time)!
Don’t stop me now (Yes I’m having a good time)!
I don’t want to stop at all
I’m a rocket ship on my way to Mars,
On a collision course!
I am a satellite I’m out of control!
I am a sex machine ready to reload!
Like an atom bomb about to
Oh oh oh oh oh explode!
Es wird jetzt getanzt! Ohne Rücksicht auf die lästernden Gedanken der neidischen Vernunftopfer. Alle steifen Diskothekenmeider wählen ein Lokal ihrer Musikrichtung und feiern gefälligst einmal im Monat bis sie am nächsten Tag Muskelkater haben! Sinnlose Alkoholvernichtung zählt nicht. Die Tanzfläche wird nüchtern betreten und verdammt nochmal: Tanzt!
(Diskos, in denen balzende Proleten hirnlose Schnepfen aufreißen, gilt es zu meiden.)
Ich verlinke auf den Rebellmarkt von Don Alphonso, da er einige schöne Texte auf seiner Seite schreibt. Das bedeutet nicht, dass ich auf seiner Seite stehe (weder bei der Kritik am Grimme-Institut noch in der Frage, ob er eher zynisches Dreckschwein oder Blogpapst ist) oder ihn als Mensch mag. Gleiches gilt selbstverständlich für Stefan Niggemeier.
Ich funktionierte als Schüler. Ich lief nicht einwandfrei, eher wie eine liebgewonnene Langspielplatte, welche immer an der gleichen Stelle springt. Man nahm mir meinen Plattenspieler. Ich weiß nicht, ob ich mich als Kunstwerk oder Zeitzeuge eigne. Man entfernte mich aus dem vertrauten Gerät, in welchem ich dreizehn Jahre meine Runden drehte, schaute mich schätzend an und bewertete. “Sven… hat auch bestanden.” Ich werde weitergereicht. Der nächste darf sich an mir erfreuen oder mich verabscheuen. Immerhin darf ich, obwohl ich selber nicht die leiseste Ahnung habe, entscheiden, wer mich am wenigsten verändert. Vielleicht finde ich zwischen all den Vitrinen einen neuen Plattenspieler und kann machen, was ich am besten kann. Unbeholfen aber glücklich eine leise, unscheinbare Melodie spielen.
Die Welt ist immer wieder ein Erlebnis. Im Müller-Markt gibt es geschätzte zweihundert Zahnbürstenarten und fünfzig verschiedene Zahnpasten, was das Heraussuchen der schlichtesten Varianten (Dr. Best mit Schwing- und Kurzkopf, Borstenstärke mittel und die klassiche Odol Med 3) immer weiter erschwert. Ich rechnete auch nicht damit, dass Zahnhygieneartikel mehr Geld kosten, als eine Packung Celebrations.
An der Kasse stand ein mittelgroßer Mann mit Fett in den kurzen, schwarzen Haare, breitem Grinsen im üppigen Gesicht. Er sah aus, wie ich mir Staubsaugervertreter vorstelle und schien sein erste Bezahlung mit Karte innerlich zu feiern.
Auf dem Hinweg beobachte ich ein Kleinkind in Begleitung seiner Mutter, welches, stoisch einem anderen Kleinkind auf der anderen Straßenseite zuwinkend, mit seinem Dreirad in eine Hecke fuhr.
PS:
Anke fragt vielsagend:
“Darf man YouTube noch benutzen oder kommt man dafür auch schon in die Hölle?”