The Kills
»a life and death relationship«
Schritt 1: Marotten, Spielereien, Fingerfertigkeiten
Man eigne sich Marotten an, lerne Spielereien, verbessere seine Fingerfertigkeit: Das Auffangen von NicNacs und M&Ms mit dem Mund, Jonglieren, das Balancieren von Stiften zwischen den Fingern, das Mischen von Karten, das Spielen mit Pokerchips, das Öffnen von Bierflaschen mit dem Feuerzeug. Es ist darauf zu achten, dass diese Marotten niemals als Nervosität interpretiert werden, sondern entweder als völlige Gelassenheit oder als Nachdenklichkeit. Erreichtes Stadium: Seriencharakter.
Schritt 2: Ordnung
Man werde zum Pedant: Sterile Sauberkeit, sorgfältigste Verwaltung von Akten und Daten, äußerst genaue Planung des Tagesablauf, pingelige Körperhygiene und Wahl des Outfits, perfekte Handschrift. Erreichtes Stadium: Profikiller
Schritt 3: Wissen
Man eigne sich Unmengen an Wissen an: Das Lesen von Gesellschafts-, Musik-, Populärwissenschafts- und Politikmagazinen, Tages- und Wochenzeitungen und mindestens 3 Büchern im Monat, das Schauen von Filmen und Fernsehreportagen und -dokumentationen, das Erlernen von drei Fremdsprachen, Studium. Erreichtes Stadium: Geheimagent
Schritt 4: Training
Man trainiere: Täglichs Lauf- und Kraftaufbautraining, wöchentliches Schwimmen, das Erlernen von Parcour und einer offensiven Kampfsportart, das Erhalten eines Waffenscheins. Erreichtes Stadium: Superheld
Diese Schritte können zeitgleich vollzogen werden. Vielleicht sollten sie sogar zeitgleich vollzogen werden, denn am wirkungsvollstem beugt man dem Wahnsinn doch vor indem man sich in Arbeit ertränkt. Wichtig ist, dass es keinen Sinn macht dieses Programm mit absoluter Disziplin durchzuziehen. Man nimmt es einfach als Selbstverständlichkeit hin und denkt nicht darüber nach. Wichtig ist auch, dass man dem Wahnsinn erst vorbeugen muss, wenn man Glauben und Ideologie verloren hat. Man stelle also zunächst sicher, dass es wirklich keine Hoffnung mehr gibt.
Ab Start des Programms stelle man sich selbst in den medialen Mittelpunkt. Man blogge, schreibe, kritisiere, fotografiere, nehme auf, alles und immer. Man schmeiße sich in die Gesellschaft, gehe zu Festivals, Konzerten, politischen Diskussionen, Sportveranstaltungen und berichte, berichte, berichte bis in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, dass man bei allen wichtigen Events und Veränderungen dabei ist. Man sei originell und lasse alle am eigenen Leben teilnehmen.
Erreichtes Stadium: Internet
Es stellt sich mir die Frage, warum der durchschnittliche Deutsche Lieder dieser Künstler kennt. Auch wenn sie die Namen der Tracks nicht kennen, man braucht nur die einprägsamste Zeile ansingen und nahezu jeder kann sie vervollständigen. Dabei sind die Stücke nichtmal annähernd radiokonform. Ich persönlich hab’ sie auch in einer Disco für den Massengeschmack noch nicht gehört.
Bob Sinclar – Rock This Party
Rock this party
Dance everybody
Make it hot in this party
Everybody dance now!
Wahrscheinlich der bekannteste Titel unter den aufgeführten. Wahrscheinlich erfolgreich, weil hunterte Mal als Clip-Untermalung im Fernsehen verwendet.
Benny Benassi – Satisfaction
Push me
And then just touch me
Till I can get my
Satisfaction
Ich saß im gerade angebrochenen Jahrtausend bei 40°C in einem VW Bulli in Südfrankreich und als ich im Radio dieses Lied hörte, dachte ich mir nur: “Die Franzosen haben aber auch einen seltsamen Musikgeschmack.”
Bomfunk MC’s – Freestyler
Freestyler rock the microphone
Straight from the top of my dome
Freestyler rock the microphone
Carry on with the freestyler
Silberner Junge mit Kopfhörern läuft durch U-Bahnhöfe. Und dabei hab’ ich nie MTV und Viva geschaut.
Fatboy Slim – The Rockerfella Skank
Right about now
The funksoul brother
Check it out now
The funksoul brother
Ich habe absolut keine Ahnung.
Zunächst möchte ich anmerken, dass ein Sonntagmorgen eigentlich gar nicht existiert oder zumindest Definitionssache ist, denn an einem durchschnittlichen Sonntag sollte man nicht vor 10 Uhr aufstehen. 10 Uhr ist aber nicht mehr morgens, zumindest nicht zeitlich gesehen. Ein Sonntagmorgen lässt sich nicht auf der Uhr ablesen, sondern nur grob in einen Tagesablauf einordnen. Dieser Sonntagmorgen ist ein tatsächlicher Sonntagmorgen, der unzweifelhaft morgens stattgefunden hat. Nur einige nervende Spaßvögel könnten behaupten, es sei nachts gewesen.
03 Uhr. Der Funkwecker meldet mit seinem hasserfülltem Piepton, dass es Zeit ist. Der Funkwecker hasst mich. Die ersten drei Entscheidungen dieses Tages sind: “Ich dusche heute abend. Ich frühstücke auf dem Weg. Ich höre noch eine Stunde Musik.” Sie erfolgen gleich nach der ersten Feststellung dieses Tages: “Ich kann jetzt nicht aufstehen.” Der Funkwecker will die Weckzeit nicht umstellen, da er verzweifelt versucht Funkkontakt zur Atomuhr (oderso) aufzubauen. Der Funkwecker ist verzweifelt und er hasst mich. Der iPod-Display hält mich wach. “Kopf oder Zahl” von Jennifer Rostock im Deichkind-Remix. Und die Glühbirne der Nachttischlampe war auch kaputt.
04 Uhr. Ich muss eine iPod-Playlist für die Autofahrt zusammenstellen. Ich muss meine Tasche packen. Ich muss die Zähne putzen und die Haare ordnen. Ich muss mit dem alten Polo auf dem Weg zum Bahnhof einen Kameraden abholen. Ich muss meinen iPod vor dem Losfahren ans Kasettendeck anschließen. Ich muss die Autobatterie verrecken lassen. Ich muss meine Eltern wecken. (Ich muss Parallelen zwischen Funkwecker und Eltern feststellen.) Ich muss meinem Kameraden absagen. Und McDonalds hatte auch geschlossen.
05 Uhr. Das Bahnhofsfoyer in Leer ist unbeleuchtet. Jemand schläft im Passfotoautomaten. Eine Frau bewegt sich wie ein Baby, dass erste Schritte macht. Ein älterer, untersetzter Türke kommt auf mich zu: “Wohin?” – “Heide.” – “Hrm.” Eine Zigarette flutet leere Lungen, aber keinen leeren Magen. Und der Regionalexpresswaggon war leer.
Später, dann. Das Bahnhofsfoyer in Bremen ist beleuchtet. Am Hamburger Hauptbahnhof fährt ein Mädchen Einrad. Jonathan Littel provoziert mit den Wohlgesinnten die Feuilletons. In Altona verpflegt der Kamerad bei McDonalds. Ein Salami-Käse-Finlandaise flutet einen leeren Magen. Und der IC von Bremen nach Altona hatte Verspätung.
“Eine Abgrenzung, eine Separation zwischen mir und meinem ICH, das einzige, was ich vorzuweisen habe.”
http://www.septemberrave.com/450
Und im Halbschlaf bemerke ich, wie sich in meiner deutschsprachigen Playlist das gelebte Ich entschuldigt und zu erklären versucht, das gewünschte Ich aber unnachgiebig den aktuellen Lebensstil vorwirft.
“Denn ich würde nur bereuen, hätt’ ich mich an Dir verbogen. War bestimmt nicht immer treu, doch ich hab Dich nie betrogen. Das bin ich, das bin ich, das allein ist meine Schuld. Ich muss mich jetzt nicht finden, darf mich nur nicht verliern. Bin doch gestern erst geboren und seit kurzem kann ich gehen, hab mein Gleichgewicht verloren doch kann trotzdem gerade stehn.”
Rosenstolz – Ich bin Ich
“Wo fing das an? Was ist passiert? Hast Du denn niemals richtig rebelliert? Kannst Du nicht richtig laufen oder was lief schief? Und sitzt die Wunde tief in Deinem Inneren: Bist Du nicht immer noch, Gott weiß wie, privilegiert?
Was hat Dich bloß so ruiniert? Was hat Dich bloß so ruiniert? Kannst Du Dich nicht erinnern?”
Die Sterne – Was hat Dich bloß so ruiniert