Graceland — SE am 26.03.2008 um 22:08 Uhr. Kommentare (4).

Bereits nach den ersten Tagen stand eines fest: Sollte er diesen glücklicherweise kurzen Lebensabschnitt endlich hinter sich gebracht haben, würde er ihm keine Träne nachweinen. Nicht eine.

Nur noch den Laufzettel hatte er in der Hand als er die Stube 318 verließ und Schröder hinter ihm zuschloss. Die drei Edekatüten mit den Kampfstiefeln, Sportschuhen, Badelatschen und Schuhbürsten lag, genau wie der Rucksack mit Laptop, schon im schwarzen Vectra. Er hatte schon vor Tagen seinen Spind an einen Kameraden abgegeben, der seinen Platz in Stube 318 einnehmen sollte. Als wenn irgendwer den Platz von Schröder und ihm einnehmen könnte. Seine, zum Teil selbst mitgebrachten, Lagendarstellerklamotten hatte er an einen Kleiderbügel gehängt und der Stube vermacht. Darunter auch den oliven Pulli, den er an seinem 17. Geburstag trug, als er betrunken schlafend rückwärts mit dem Stuhl in den Graben und in die Brennnessel fiel. Sie mussten jetzt ins Geschäftszimmer, die Schlüssel abgeben. Die Schlüssel für Stube 318.

Nach dem Antreten inklusive Dankesreden wurde allen zum Abschied ein letztes Mal persönlich die Hand gegeben. Der Hauptfeldwebel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen als er ihn erreichte. Beim Einräumen des Büros vor drei Monaten war aufgefallen, dass sie beide ihre Freizeit in den Welten von Azeroth verbrachten. Schröder natürlich auch. Als siamesische Zwillinge wurden Schröder und er vom Hauptfeldwebel bezeichnet. Das große Verabschieden von den restlichen Kameraden ging los. Alle gaben sich die besten Wünsche mit auf den Weg, auf ein Wiedersehen. Ein Wiedersehen war so unwahrscheinlich. Man würde sich gleich abrupt trennen und in das gleiche, ein bisschen andere Leben fallen, das man vor neun Monaten kurz verlassen hatte.

Schröder drehte den Zündschlüssel des schwarzen Vectra, legte ein Blumentopf-Album ein, fuhr los und sie verließen die Kaserne. Zum letzten Mal.

Keine Träne. Nicht eine.

Stube 318

META / Der Prozess des Schreibens

Wortgefecht — SE am 22.03.2008 um 20:18 Uhr. Kommentare (5).

Blogs wird oft vorgeworfen, hauptsächlich sich selbst zu thematisieren, also entweder das eigene Blog speziell oder das Phänomen Bloggen allgemein. Diese Unterstellung findet man überwiegend in den Aufbereitungen der sogenannten etablierten Medien “Zeitung” und “Fernsehen” und sie stört mich persönlich, weshalb ich hier festelle: Ich blogge gar nicht. Ich schreibe.

Diese Tatsache im Hinterkopf darf ich mich auch wieder selbst thematisieren.

Eigentlich hätte seit spätestens Donnerstag hier ein Bericht über das Gildentreffen meiner WORLD OF WARCRAFT-Gilde ENGELSKRIEGER stehen können und sollen. Von Beginn an war klar, dass “wir haben uns alle nett begrüßt, gegessen und Bier getrunken” der Sache nicht gerecht würde. In meinen Gedanken schwirrten eher lange Ausführungen über die Doppelrollen amerikanischer TV-Stars in den etablierten Serien, obwohl es sich nicht um Spin-Offs handelt (Friends, King of Queens, Scrubs, Desperate Housewives, Sex and the City), über Douglas Adams, den Ehrgeiz Solitär- und Minesweeperrekorde zu brechen und warum ASSASIN’S CREED viel attraktiver ist als TOMB RAIDER (Jade Raymond!). Allerdings wollte ich auch nicht ausschweifen, weshalb ich mich mit mir auf den prägnanten Satz “Irgendwann zwischen der Wortprägung durch Dr. Theodor Seuss und Sandmanns Tofu-Gemüse-Pfanne muss sich Nerd vom abwertenden zum auszeichnenden Etikett gewandelt haben” einigte. Der Post erschien nicht, weil mir die Idee zu diesem kam.

Heute wollte ich außerdem ein Bild hochladen auf welchem die Ostergeschenke zu sehen sind, welche ich meiner Familie schenken wollte. Im letzten Moment ist mir aber eingefallen, dass ich christliche Feste verabscheue und Weihnachten nur tolerant mitfeiere um mich nicht in ein gesellschaftliches Abseits zu stellen. Die ausgiebige Vorbereitung mit Bild undoder Video fand allerdings nicht zum ersten Mal statt, denn es existiert auch ein Video meines verwüsteten Zimmers, welches ich in Verbindung mit einem Post zum Thema Aufräumen zeigen wollte. Allerdings habe ich nicht aufgeräumt.

Ursprünglich wollte ich nur mitteilen: Ich bin erkältet.

MIDNIGHT BOOM von The Kills

Musik — SE am 10.03.2008 um 19:48 Uhr. Kommentare (3).

The Kills - Midnight Boom

»i want u to be crazy
coz u r boring baby when u r straight
i want u to be crazy
coz u r stupid baby when u r sane«

Es ist wie Sex mit zwei Höhepunkten und am Ende liegt man nebeneinander und raucht eine Zigarette. The Kills, das sind Alison Mosshart als VV und Jamie Hince (in einem Nebenprojekt der neue Freund von Kate Moss) als Hotel, Gesang, eine Rhytmusmaschine und manchmal, selten ein kleines bisschen Gitarre und sie sind verdammt, verdammt, verdammt fantastisch. Als ich U.R.A. FEVER das erste Mal hörte, entwickelte ich eine hysterische Sehnsucht nach dem Album, denn MIDNIGHT BOOM ist in dieser Musikrichtung (und ich fasse Musikrichtungen ziemlich breit, denn ich bin nicht so toll im Einordnen) das absolut Beste, was ich bisher gehört habe. Es ist nackte Musik. Wir haben März und Muse müsste ihr bisher bestes Album bringen um mich daran zu hindern, MIDNIGHT BOOM nicht als bestes Album des Jahres zu nominieren.

»no fun i have
we got no money
need a friend
a volcano dish
on a mountaintop to live it«

FEUCHTGEBIETE von Charlotte Roche

Literatur — SE am 08.03.2008 um 15:06 Uhr. Kommentare (3).

Seite 102: »Ich habe ihn verstört.«

Zunächst mal möchte ich anmerken, dass ich kläglich versagt habe, was die Erektion betrifft. Ich würde das hier natürlich niemals zugeben, wenn Charlotte Roche nicht schon zugegeben hätte, dass es ihr gegenüber bereits Männer zugegeben haben. Wobei ich der Frau auch zutrauen würde, das einfach nur zu behaupten, weil sie weiß, dass Männer dabei eine Erektion bekommen. Das Buch ist nicht erotisch, es sei denn man bringt einen kleinen Fetisch mit. Komischerweise schafft mein Gehirn es, Schilderungen, welche die Worte Fotze, Klitoris, Schamlippen, Arsch und Nippel enthalten, vollständig aus ihrem Kontext zu lösen, völlig unangebrachte Signale auszusenden und mir einen Ständer aufzudrängen. Dass diese Erkenntnis mich tatsächlich verstört hat, wäre übertrieben ausgedrückt, aber eine gewisse Irritation kann ich nicht abstreiten.

Seite 18: »Mir ist irgendwann klar geworden, dass Mädchen und Jungs unterschiedlich beigebracht kriegen, ihren Intimbereich sauber zu halten. Meine Mutter hat auf meine Muschihygiene immer großen Wert gelegt, auf die Penishygiene meines Bruders aber gar nicht. Der darf sogar pinkeln ohne abwischen und den Rest in die Unterhose laufen lassen.«

Da hilft kein Schütteln und kein Klopfen, in die Hose geht der letzte Tropfen. Klopapier an Urinalen würde auch nur zur Verstopfung der Porzellaneinrichtungen führen. Aber selbstverständlich wird der Penis gewaschen, nur dass einem das im Normalfall vom Vater beigebracht wird. Unter der Vorhaut würden sich sonst auch Schmutzreste bilden (Eichelkäse, den Begriff kennt man ja) und den Gesichtsausdruck des Sexualpartners möchte ich sehen. Wie im Buch so schön festgestellt wird, waschen Nutten die Schwänze ihrer Freier auch vorher. Es ist auch ein Irrglaube, dass sich nur Frauen rasieren. Ich war ja dank der Gemeinschaftduschen bei der Bundeswehr mehr oder weniger gezwungen mir nackte Männer anzusehen und die überwiegende Mehrheit ist untenrum und auch unter den Achseln rasiert. Ebenso falsch ist es, dass die Gesellschaft nicht erwartet, dass Männer ihren Körper so stark pflegen oder dass Männer ohnehin immer mit ihrem äußeren Erscheinungsbild zufrieden sind. Im Drogeriemarkt gibt es mittlerweile immerhin Regale ausschließlich mit Produkten für Männer: After Shave, sensible Creme gegen Unreinheiten im Gesicht, Gesichtsseife, Gesichtspeeling, Gesichtscreme (nicht gegen Unreinheiten), Duschgel, Sportduschgel, Deo, Sportdeo, Shampoo, Parfum, Körpermilch (Body Milk!) und weit mehr. Die verschwitzten Männer im Fitnessstudio oder auf Waldlaufstrecken befinden sich dort nicht nur aus sportlichem Ehrgeiz.

Seite 20: »Mir macht es Riesenspaß, mich nicht nur immer und überall bräsig voll auf die dreckige Klobrille zu setzen. Ich wische sie auch vor dem Hinsetzen mit meiner Muschi in einer kunstvoll geschwungenen Hüftbewegung einmal komplett im Kreis sauber. Wenn ich mit der Muschi auf der Klobrille ansetze, gibt es ein schönes schmatzendes Geräusch und alle fremden Schamhaare, Tropfen, Flecken und Pfützen jeder Farbe und Konsistenz werden von meiner Muschi aufgesogen.«

Alle Erwartungen (oder Befürchtungen), die ich dank der unzähligen Interviews mit Charlotte Roche ja durchaus hatte, wurden übertroffen. Die Protagonistin mag ja recht haben, dass wir es manchmal mit der Hygiene übertreiben. Ich hielt mich für hartgesotten, schließlich hat man sich früher schonmal gegenseitig mit vollgewichsten Taschentüchern oder verschimmelten, vollgebluteten Unterhosen beworfen, aber das Buch erzeugt durch seinen Detailgrad teilweise extremen Ekel. Allerdings hat man sich ab Seite 70, 80 bereits daran gewöhnt.

Letztendlich ist FEUCHTGEBIETE weder besonders originell noch gut geschrieben und ich bin mir sicher, dass es, wäre es nicht von Charlotte Roche, sondern von einer unbekannten Person geschrieben worden, völlig untergegangen wäre. Es ist sicher interessant, es mal gelesen zu haben, aber Prädikate wie “literarisch wertvoll” oder “jetzt schon Kult” hat es auch nicht verdient.

Ich verschicke meine Version des Buches inklusive einer Widmung von mir auf seperatem Karton und ausgedruckten Blogposting an den ersten Interessenten, der sich hier meldet.

Medien

Randnotiz — SE am 05.03.2008 um 21:36 Uhr. Kommentare (1).

Zeitungskolumnen statt eigener Meinung. Newsticker statt eigener Probleme. Weblogs statt eigener Gedanken. Podcasts statt eigener Stimme. Chats und Foren statt eigener Freunde. Videospiele statt eigener Ziele. Filme und Fernsehserien statt eigener Erfahrungen. Sitcoms statt eigener Anekdoten. Musik statt eigener Gefühle. Bilder statt eigener Erinnerungen. Werbung und Prospekte statt eigener Erwartungen. Bücher statt eines eigenen Lebens.

(GJ.net-Archiv Januar bis Mai 2007)

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