Er betrat mit der letzten Gruppe das Zelt, hatte Glück überhaupt noch Einlass erhalten zu haben. Es herrschte eine nasse, unangenehme Hitze, der Schweiß der tanzenden Menschen stand förmlich in der Luft. Aber das war ihm völlig egal, so egal, wie die Tatsache, dass die Musik überwiegend schon fertig gemixt war und nur noch abgespielt wurde. Endlich konnte er abgehen, ohne, dass irgendwer ihn ansprang oder -rempelte, schubste oder stieß. Sein Gesicht erstarrte zu einem blöden Grinsen, er fing an zu stampfem, rhytmisch den Kopf zu schütteln und riss die Arme nach oben. Die anderen ignorierten ihn und er ignorierte sie, jeder machte sein Ding, feierte in stillem Einverständnis mit der Umgebung seine ganz eigene Party. Eine Ewigkeit verging.
Völlig durchnässt irrte er zum Zelt zurück. Die Begleiter grillten. Dankbar nahm er eine Bratwurst und fiel ins Nichts.
Ihm ist kalt, als er durch die Seitengassen zurück zum Auto spaziert. In den Wohnungen brennen keine Lichter und es ist still. Keine Hupen oder Jubelgesänge werden, wie noch vor ein paar Tagen, nach dem Halbfinale, in diese entlegenen Ecken getragen und die wenigen Menschen, denen er begegnet, tragen die Niederlage statt der Nationalfarben im Gesicht. Niemand unterhält sich. Der Schlusspfiff lies die letzten wüsten Beschimpfungen auf das deutsche Team verstummen und hüllte die Welt in Schweigen. In einem türkischen Imbiss wäscht der Besitzer mit steinerner Miene die Messer und ein Wirt schafft die Gartenstühle zurück ins leergefegte Lokal.
Er steigt ins Auto und dreht die Musik auf. Amy Macdonald singt Footballer’s Wife und in ihrer tiefen, schottischen Stimme schwingt die Sehnsucht mit.
Sie standen am Rand der riesigen Menschenansammlung auf einer Wiese, die schon jetzt, vor dem ersten eigentlichen Festival-Tag, zertrampelt und verdreckt war. Er beobachtete den Begleiter und seine Freundin, wie sie sich unterhielten. Es sah fast so aus als flüsterten sie, aber ihre Mundbewegungen waren viel zu extrem, denn sie mussten gegen den Lärm kämpfen. Vom Fußballspiel konnte er nicht viel erkennen, denn die Leinwand war ein ganzes Stück entfernt.
Als die Deutschen das erste Tor schossen, flogen Bierdosen durch die Luft und der Lärm, das Brüllen, Johlen, Pfeifen, Schreien und Singen, vervielfachte sich zu einem einzigen Laut des Jubels. Er lachte und wusste nicht, ob aus Freude über den Treffer oder aus Erstaunen über die ziellos-euphorische Masse.
Während er in der Kassenschlange stand und in seinen Einkaufswagen starrte, überlegte er, ob man, bei einem genaueren Blick, auch in den anderen Einkaufswägen lesen konnte um was für einen Kunden es sich handelte. Und gleich danach, ob es für die anderen, ihn umgebenden Kunden auch als unhöflich galt, in andere, statt in den eigenen Einkaufswagen zu starren. Er betrachtete seine Auswahl. Bratwürste, Dosenravioli, Toast und Nutella. Camper musste man denken, wenn man diese Auswahl betrachtete und als informierterer Mensch vielleicht sogar Festivalbesucher.
Gelangweilt von dieser weiteren Offensichtlichkeit schob er, absurd synchron mit den anderen, hinter und vor ihm, seinen Einkaufwagen einen knappen Meter weiter zur Kasse.
(… denn chronologisch ist für Anfänger.)
Er sitzt an der Theke, stochert arhytmisch in seinem Kaffee und betrachtet aus den Augenwinkeln die Leinwand. “Hat den Frings doch nicht aufgestellt.” “Wohl auch besser so”, erwidert der King, während er sich die selbstgedrehte Zigarette anzündet. Der Raum füllt sich langsam mit bekannten Gesichtern unbekannter Personen. “Was hast’n getippt?” Er reißt die kleine Plastikdose auf und gießt die Kondensmilch in den Kaffee. “3:1″ – “2:1″ – “Schaunmermal.” Der King drückt seine Zigarette aus und nimmt Bestellungen entgegen. Aus den Boxen ertönt die Nationalhymne, auf der Leinwand wird kollektiv die Hand ans Herz gelegt. Er summt leise mit und nippt, die Temperatur testend, am Becher. “Ja, schaunmermal”, murmelt er, obwohl ihm eigentlich schon keiner mehr zuhört und wendet sich ganz der Fernsehübertragung zu.