[...] – der zerissene [...]

Zitate — SE am 07.09.2008 um 22:49 Uhr. Kommentare (5).

Update
Das Buch “American Psycho” geht an Marion R. aus S.. Ihre Mail mit der richtigen Antwort hat mich als erste erreicht. Insgesamt erreichten mich zwei Mails mit der richtigen Antwort.

Der zitierte Text stammt von Jacques Schuster. Er handelt von Wilhelm II. und kann auf der Webpräsenz von DIE WELT in der Originalfassung gelesen werden.

Danke an alle Teilnehmer.
Update

[...] Wollte man [ihn] von seinen Widersprüchen befreien, so stünde er nackt da.

[Er] blieb [...] ein wandelndes Sowohl-als-auch. Er war klug, gebildet und sprach alle Hauptsprachen Europas, doch war er zu Ausdauer und harter Arbeit nicht fähig. Überdies war seine Intelligenz in einer Traumwelt eingesperrt, die er sich selbst und die seine Schmeichler ihm aufgebaut hatten. [Er] liebte die neusten Erfindungen, doch vermochte er es nicht, sich von seiner romantisch-mittelalterlichen Vorstellung zu lösen [...]. [Er trat an], das Leben [...] zu verbessern [...], doch vergaß er bald seine Ziele und erschien [...] als [einer], der viel redet, aber wenig zustande bringt.

Damit nicht genug, war [er] friedliebend und Militarist zugleich. Er liebte Uniformen und das Dschingderassabumm [...]. [...] Er mochte den schneidenden Tonfall, den klirrenden Auftritt, zu gleicher Zeit war er zu schwach, sich [...] zur Wehr zu setzen.

[Sein] größter Fehler war seine fast draufgängerische Selbstüberschätzung bei gleichzeitiger Neigung zu einer tollkühnen Operettenhaftigkeit. Er führte neben allen anderen Drolligkeiten zu unglaublich törichten Reden. [...]

Übrigens, am treffendsten beschrieb [...] [ihn]: “Da saß ein jugendlicher Mann [...]; auf den Eindruck bedacht, dauernd mit sich selber kämpfend, seine Natur bezwingend. Kaum ein unbewusster Moment; unbewusst nur – und hier beginnt das Menschlich-Rührende – der Kampf mit sich selbst.”

[...] [Ihm gefiel] das Autoritäre und Nationale, aber er war zu anständig, um die Gewalt und den Terror [...] gutzuheißen. [...] Ein Mann voller Widersprüche [...].

Wer die beschriebene Person erkennt, möge mir die Lösung an “erlenborn at googlemail dot com” schicken. Pro Teilnehmer sind fünf Vermutungen gestattet. Unter allen richtigen Antworten wird eine gebrauchte Ausgabe von Bret Easton Elliss “American Psycho” in englischer Sprache verlost. Einsendeschluss ist der 20. September 2008.

Der Fairness halber bitte ich darum, keine Textpassagen in Suchmaschinen nachzuschlagen, da der Text, wenn auch stark gekürzt, ganz offensichtlich zitiert ist. Unfaire Teilnehmer möge der Blitz treffen.

Viel Glück!

Eigentlich hielt ihn hier nicht mehr …

Graceland — SE am 06.09.2008 um 17:11 Uhr. Kommentare (4).

Eigentlich hielt ihn hier nichts mehr …

Seinen ganzen Besitz hatte er in Kisten verpackt. Eine Kiste für die Bücher, eine Kiste für Musik und Filme, eine Kiste für die alte Hardware, PC- und Konsolenspiele und eine für allerlei Kram. Seine Pullover, T-Shirts, Hosen, Socken und Unterwäsche lagen bereits in großen Taschen im Auto. Ebenso die in Müllsäcke verpackten Bettbezüge und Decken. Poster und Kalender, Pinnwand und Gardinen waren abgehängt und die leergeräumten Möbel zur Tür gerückt. Es war erstaunlich, was er allles besaß und doch war er überrascht, wie wenig es war, wenn es so komprimiert beisammen stand.

Eigentlich hielt in hier nichts mehr. Die Freunde hatte es in alle Ecken Deutschland und auch in die Niederlande verschlagen. Doch, es waren auch einige geblieben, aber so richtig und wirklich war nichts mehr los. Kein Feiern, keine Diskobesuche, kein großes Beisammensein, nur noch manchmal im kleinen Kreis, zu zweit, zu dritt einen Kaffee, zwei Weizen oder drei Gläser von dem Likör-Whiskey-Gemisch, das Janis Joplin früher vorgab, gerne zu trinken.

Eigentlich hielt in hier nichts mehr. Das Café, das viele hundert Male besuchte Café, die Leute, die früher dort gesessen, sich unterhalten, gelesen und gespielt hatten, es war weniger gut besucht und es waren nicht mehr die gleichen Leute dort. Der Kaffee und der Kakao schmeckten immer noch gut, waren immer noch günstig und seit man die Stühle ausgetauscht hatte, saß man noch bequemer, aber es war nicht das gleiche. Es war nicht das gleiche, hinzugehen, mit einem Magazin oder einer Zeitschrift und lesend an einem Tisch zu setzen, wenn man doch die Gewissheit hatte, dass die Chance, dass ein bekanntes Gesicht zur Tür hineinschneite, das aus der gleichen Unlust am Alltag den alten Zufluchtsort aufsuchte, ziemlich gering war.

Eigentlich hielt ihn hier nicht mehr. Seine Familie zwar, aber der Tagesrhytmus störte. Um Hausarbeiten würde er auch in Zukunft nicht herumkommen, doch waren es seine Aufgaben, sein Tagesrhytmus, ohne festgelegte Essenszeiten, Ruhezeiten, Arbeitszeiten. Ohne Berge von Geschirr, Großeinkäufe und wenn er seine Socken zerknüllt in die Wäschetruhe werfen wollte, dann war es seine Wäschetruhe und sein Problem, wenn die Socken nicht sauber würden oder er vor der Waschmaschine hockte, die Socken vor dem Hineinschmeißen zu glätten. Keine Diskussionen würde es gäben, wer die Milch aus dem Keller holen oder den Tisch abräumen müsse, und dabei hätte sie doch schon, verdammt noch mal, die Kaninchen gefüttert, so die kleinste Schwester.

Eigentlich hielt ihn hier nichts mehr. Die Möglichkeiten waren ausgeschöpft, hier würde er nicht weiterkommen, sein Leben würde einen Stillstand erreichen. Die Schule war abgeschlossen und auch die Wehrdienstzeit. Eine innere Erfüllung war hier fast ausgeschlossen, vielleicht im Alter, aber jetzt musste er weiter, an einen anderen Ort.

Eigentlich hielt ihn hier nichts mehr …

Und doch. Er hätte sich vor Schmerz übergeben, als er vor seinem leerem Zimmer stand, seinem leeren Zimmer, in dem es kein Anzeichen gab, dass es mal sein Zimmer gewesen war.

| Sven Erlenborn. - Wordpress - Barecity Theme