Neunter Studientag

Graceland — SE am 21.10.2008 um 19:43 Uhr. Kommentare (5).

Es ist neun Uhr früh, draußen riecht es nach warmem Regen und er hat nichts gefrühstückt. Er steht vor dem Hörsaal Nummer 5 im Erdgeschoss, in seiner Hand zwei karierte und mit mathematischen Mengenformeln beschriebene Zettel und obenauf das Arbeitsblatt, alles zusammengeheftet mit einer roten Büroklammer. Eigentlich hatte er ausreichend Schlaf, aber die Müdigkeit hat vor Vorlesungen immer die Überhand. Es ist wie in der Schule, vor’m Unterricht. Es ist sogar noch viel schlimmer als früher vor’m Unterricht, aber das lag nicht an der Müdigkeit.

An einem überdurchschnittlichem Schultag, denn an einem durchschnittlichen kam er grundsätzlich zu spät, betrat er morgens die Mensa, denn in der Mensa hielten sich alle auf. Er grüßte dann in die Runde und steuerte erstmal den Kaffee-Automaten an, um sich für fünfzig Cent einen kleinen Becher mit Milchkakao zu holen und dem Körper durch hemmungslose Überzuckerung zumindest eine Art von Leben einzuhauchen. Danach unterhielt man sich in albernem Ton über wichtige Themen, den Einsturz des WTC, die Wahl Angela Merkels zur Kanzlerin. Und wenn am Vortag Stromberg lief, dann unterhielt man sich über Stromberg. Immer den Becher Milchkakao in der Hand.

Der Flur vor’m Hörsaal 5 ist ähnlich belebt wie damals die Schulmensa, aber es gibt keinen Milchkakao und in der Hand hält er nur die gelösten Übungen. Die gelösten Übungen sollen in ein paar Minuten abgegeben werde, man hatte eine Woche Zeit sie zu lösen und am Ende des Semesters würde man dreizehn Mal seine Übungen abgegeben haben und wenn man insgesamt fünfzig Prozent seiner Übungen korrekt gelöst haben sollte, würde man zur Klausur zugelassen.

Aber er steht offensichtlich in der falschen Ecke der Mensa bzw des Flurs.

Vor ihm befindet sich, auf den ersten Blick, eine wilde Horde Acht- oder Neuntklässler, die mit Ringbuchblöcken, deren erste Seiten nur Überschriften enthalten, weil man als Acht- oder Neuntklässler in seiner Übereifrigkeit zu Schuljahresbeginn jede Stunde, noch bevor der Lehrer den Raum betritt, einen Zettel mit Überschrift und Datum vorbereitet, bewaffnet an Wänden, auf Tischen und Bänken, ja sogar auf dem Boden geradezu panisch und mit einem ungeheurem Lärm ihre Lösungen und Rechenwege mit denen der Kommilitonen vergleichen.

Er verlässt das Hörsaalgebäude, setzt sich vor dem Eingang auf die Treppen, nimmt einen großen Schluck aus der Wasserflasche und lacht innerlich. Oder weint. Oder beides.

Samstag, zwei Tage bis zum Studienbeginn

Graceland — SE am 11.10.2008 um 15:09 Uhr. Kommentare (2).

Eigentlich waren die letzten Stunden Zeitverschwendung gewesen. Der Baulärm klang als würde er aus dem Nebenzimmer kommen, die genaue Quelle ließ sich nicht bestimmen. Die Schlagbohrer und Kreissägen und über den Boden geschleifte Rollen Belag und selbst fallen gelassene Nägel oder Schrauben, alles war furchtbar laut und der Schall schien mit jedem durchquerten Raum bis zu seinem Ohr ein weiteres Echo entstehen zu lassen. Der Schlaf war nicht mehr erholsam gewesen, eher ein ewiges Erwachen um den Kopf einmal mehr fest ins Kissen und unter die Decke drücken.

Also stand er auf.

Vom Vortag waren noch einige Bissen Pizza übrig. Er brachte den Karton mit der italienischen Flagge und dem selbstzufriedenen Bäcker drauf in die Küche, kochte Wasser für den Cappuccino und steckte sich eine Zigarette an.

“Gestern war so gutes Wetter und heute versinken die Hügel im Nebel”, dachte er, als er zum Fenster raus und auf die Appartements zwischen den dicht stehenden Bäumen an den Hängen blickte. Aber es war ja erst Morgen. Oder auch nicht. Der Wind verhielt sich unentschlossen. Er bließ weder kalt in die Küche hinein, noch sog er den Rauch aus dem kleinen Zimmer raus und so standen die klebrig-blauen Schwaden vor seinem Gesicht.

Im Tatort gestern ging es um Sterbehilfe.

Er biss in die kalten Pizzastücke, trank in kleinen Schlücken den Cappuccino und beobachtete einen schwarzen Vogel, der in einem riesigen Nadelbaum von einem Ast zum anderen hüpfte.

Ich bringe bald einen Fortsetzungsroman heraus.

Randnotiz — SE am 09.10.2008 um 20:19 Uhr. Kommentare (3).

Das übergestellte Thema wird “Deutsche Politik” sein.

Bisher fertiggestellte Teile:

“I. Wollt ihr den totalen Krieg?”
“II. Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!”
“III. Denn eins ist sicher: die Rente!”
“IV. Die Sparerinnen und Sparer in Deutschland müssen nicht befürchten, einen Euro ihrer Einlagen zu verlieren.”

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