Neunter Studientag
Es ist neun Uhr früh, draußen riecht es nach warmem Regen und er hat nichts gefrühstückt. Er steht vor dem Hörsaal Nummer 5 im Erdgeschoss, in seiner Hand zwei karierte und mit mathematischen Mengenformeln beschriebene Zettel und obenauf das Arbeitsblatt, alles zusammengeheftet mit einer roten Büroklammer. Eigentlich hatte er ausreichend Schlaf, aber die Müdigkeit hat vor Vorlesungen immer die Überhand. Es ist wie in der Schule, vor’m Unterricht. Es ist sogar noch viel schlimmer als früher vor’m Unterricht, aber das lag nicht an der Müdigkeit.
An einem überdurchschnittlichem Schultag, denn an einem durchschnittlichen kam er grundsätzlich zu spät, betrat er morgens die Mensa, denn in der Mensa hielten sich alle auf. Er grüßte dann in die Runde und steuerte erstmal den Kaffee-Automaten an, um sich für fünfzig Cent einen kleinen Becher mit Milchkakao zu holen und dem Körper durch hemmungslose Überzuckerung zumindest eine Art von Leben einzuhauchen. Danach unterhielt man sich in albernem Ton über wichtige Themen, den Einsturz des WTC, die Wahl Angela Merkels zur Kanzlerin. Und wenn am Vortag Stromberg lief, dann unterhielt man sich über Stromberg. Immer den Becher Milchkakao in der Hand.
Der Flur vor’m Hörsaal 5 ist ähnlich belebt wie damals die Schulmensa, aber es gibt keinen Milchkakao und in der Hand hält er nur die gelösten Übungen. Die gelösten Übungen sollen in ein paar Minuten abgegeben werde, man hatte eine Woche Zeit sie zu lösen und am Ende des Semesters würde man dreizehn Mal seine Übungen abgegeben haben und wenn man insgesamt fünfzig Prozent seiner Übungen korrekt gelöst haben sollte, würde man zur Klausur zugelassen.
Aber er steht offensichtlich in der falschen Ecke der Mensa bzw des Flurs.
Vor ihm befindet sich, auf den ersten Blick, eine wilde Horde Acht- oder Neuntklässler, die mit Ringbuchblöcken, deren erste Seiten nur Überschriften enthalten, weil man als Acht- oder Neuntklässler in seiner Übereifrigkeit zu Schuljahresbeginn jede Stunde, noch bevor der Lehrer den Raum betritt, einen Zettel mit Überschrift und Datum vorbereitet, bewaffnet an Wänden, auf Tischen und Bänken, ja sogar auf dem Boden geradezu panisch und mit einem ungeheurem Lärm ihre Lösungen und Rechenwege mit denen der Kommilitonen vergleichen.
Er verlässt das Hörsaalgebäude, setzt sich vor dem Eingang auf die Treppen, nimmt einen großen Schluck aus der Wasserflasche und lacht innerlich. Oder weint. Oder beides.