31. Mai 2009

Randnotiz — SE am 31.05.2009 um 19:06 Uhr. Kommentare (0).

Er wacht auf der nackten Matratze auf. Sein Körper fühlt sich dreckig an, ungewaschen.
Zögernd macht er die Augen auf.

Ein Stempel auf der Innenseite seines Unterarms: Kopie.

27. Mai 2009

Graceland — SE am 30.05.2009 um 16:05 Uhr. Kommentare (0).

“Und… wen wählst du bei der Europawahl?”
Vor J. steht ein fein gestutzter Typ in einem blau-weiß gestreiften Hemd, das vermutlich teuer gewesen ist.
- “Ich schwanke noch.”
“Zwischen wem? Wenn ich fragen darf.”
- “Zwischen SPD. Und FDP. Und…” J. setzt an alle zur Wahl stehenden Parteien aufzuzählen, alle, bis auf CDU/CSU, wird aber von dem dümmlichen Grinsen seines Gegenüber und einem freundschaftlichen Schlag auf die Schulter unterbrochen.
“Wähl’ die Silvana. Silvana Koch-Mehrin.”
- “Hm?” Die Musik im Club ist laut.
“Wähl’ Silvana Koch-Mehrin.”
- “Warum?” Warum gehe ich auf dieses Gespräch ein, fragt er sich, ich würde mich nichtmal mit diesem Typen über Politik unterhalten, wenn wir beide nüchtern wären.
“Hast du dir die mal angeguckt? Und das Wahlplakat erst. Die attraktivste deutsche Politikerin.”
Der Typ lacht. J. lacht auch. Die Höflichkeit unter Betrunkenen. Am liebsten wäre J. wütend und kopfschüttelnd gegangen und hätte den Typen allein stehen gelassen.

23. Mai 2009 (4)

Graceland — SE am 29.05.2009 um 13:25 Uhr. Kommentare (0).

“Lass uns noch ins Bolschoi.” Der Gefährte ist motiviert.
- “Es ist gleich vier. Selbst das Bolschoi macht bald dicht.”
“Ja, komm, was spricht denn dagegen. Spricht doch nichts dagegen. ‘N Bier noch.”
- “Nee. Keine Ahnung. Weiß nicht.”
“Spricht doch nichts dagegen. Ich zahl auch.”
- “Ja, genau, du zahlst…” J. lacht. “Nee. Ach was. Scheiß drauf. Aber nur ein Bier.”
“Jawoll! Du bist der Beste!”

Das Bolschoi liegt in der Nähe vom Ketzerbach, im Fenster hängt ein Portrait von Karl Marx und an der Tür steht in großen Lettern geschrieben “Keine Feier ohne Meier”. Trotz der Portraits und des Namens ist das Bolschoi keine sozialistische Kneipe in der sich Punks und überzeugte Linke und Kommunisten tummeln, zumindest am Wochenende nicht. Im Bolschoi sitzen Studenten, die ihre politische Haltung als links bezeichnen, weil es gerade unglaublich angesagt sein soll, links zu sein. Studenten deren alternatives Outfit inklusive Chucks und Wrangler-Jeans mehr kostet als ein guter Anzug. Studenten, die sich so danach sehnen, ein aufregendes, originelles Leben zu führen, dass sie ins Bolschoi gehen, weil das Bolschoi Kult ist und man cool, wasted und abgefuckt ist, wenn man am Wochenende im Bolschoi versackt ist. Nur, dass diese Studenten nie wirklich versacken, dass diese Abende genauso durchgeplant sind wie ihr restliches spießiges Leben. Und diese Idioten denken, dass niemand hinter ihre billige, widernatürliche Maske blicken kann.

Es ist schon peinlich, wenn man dann wirklich im Bolschoi versackt, weil es einfach der letzte Laden ist, der noch auf hat. Der Gefährte und J. ziehen sich an den hintersten Tisch zurück. Im Anzug im Bolschoi.

Das einzige Original hier ist der Wirt, der Günther, sein bester Kunde und vielleicht ein bisschen irre.

Der Gefährte fragt ein Mädel vor ihm an der Theke, ob sie seine zwei Bier gleich mitbestellen könne und das Mädel bestellt die zwei Bier mit. “Macht sechs”, grunzt Günther, der Gefährte zahlt mit seinem letzten Schein für zwei der drei Bier, ‘nen Euro mehr, fünfundzwanzig Prozent Trinkgeld.

“Das sich so hübsche Mädchen…” Der Gefährte reicht J. sein Bier, klettert zu seinem Stuhl und die beiden stoßen an.
“Das sich so hübsche Mädchen solchen Versagern an den Hals werfen. Solchen ekligen Lügnern.”
Der Gefährte schüttelt den Kopf. J. nickt.
“Is’ mir unverständlich, is’ mir das.”

Plötzlich steht das Mädel und Freundin bei ihnen am Tisch.
“Hast du alles bezahlt? Der Günther ist voll sauer.”
- “Klar. Hab’ sogar ‘nen Euro Trinkgeld gegeben.”
“Sechs Euro…”
- “Nee, fünf. Das dritte Bier war ja euch.”
“Komm ma’ mit, zum Günther.”
- “Ich bin eh pleite.”
“Komm ma’ mit.”

J. nippt an seinem Bier, beobachtet das Ganze und muss grinsen. Im Bolschoi gibt’s immer Geschrei.

“SCHEISSE!!” Günther ist außer sich.
“SCHEISSE! Was versteckst du dich auch hinter dem Mädel!? Soll ich mir hier merken, wer mit wem und was!? Weißt du, wie voll das hier ist!? SCHEISSE! Siehst du, wie voll das hier ist!? DU ARSCHLOCH!”
- “Guck ma, Günther…” Setz der Gefährte an.
“NEE! DU VERDAMMTES ARSCHLOCH! Und jetzt reden hier alle auf mich ein!”
- “Eigentlich nur ich…”
“Kommst in deinem Anzug hier rein und dann bezahlst du nicht mal. SCHEISSE!”
- “Also, wie jetzt!?” Der Gefährte lacht wütend. “Was hat’n mein Anzug damit zu tun? Und ich hab bezahlt!”

Irgendein Jüngling mit grauer Stoffhose und grauem Fedora bezahlt den Euro.

Der Gefährte kommt lachend zurück. “Was’n Wahnsinn. Immer das gleiche hier. Und das Mädchen, oder wem auch immer das dritte Bier war, hat jetzt nichts bezahlt.”
- “Nur Versager hier.”
“Jawoll. Nur Versager hier. Und machen mich wegen so ‘nem billigen Anzug an.”

23. Mai 2009 (3)

Graceland — SE am 27.05.2009 um 17:01 Uhr. Kommentare (0).

Er ist Chipleader als J. ungefähr ein Drittel seiner Chips trotz eines King Flush an Cpt. Handsome verliert. Der Gefährte und Chandler müssen schon arg knausern, sich jedesmal genau überlegen, ob sie sich den Flop überhaupt ansehen. Im Hintergrund läuft zur Entspannung der von allen geliebte Grand Prix der Volksmusik. Sie sitzen zu fünft bei “Four Fingers”, alle in Anzug, und der Whisky, The Glenlivet, ein Single Malt Scotch, zeigt langsam seine Wirkung.

Die Blinds werden erhöht, das Spiel wird angespannter und es redet nur, wer bereits ausgestiegen ist. Der Gefährte scheidet aus, weil er J.’s All-In called, doch auch J. spielt einige Runden später nicht mehr mit, weil er zwei weitere Male den eigentlich unerfahrenen Cpt. Handsome unterschätzt.

Als das Heads Up zwischen “Four Fingers” und Handsome seinen Höhepunkt erreicht, liegen die kubanischen Zigarren bereits auf dem Ascher und die zweite Flasche, diesmal günstiger Jack Daniel’s, wird angebrochen. Die Ausgeschiedenen unterhalten sich über das schlechte Fernsehprogramm und Jugenderinnerungen, beobachten das schnelle Ende nur nebenbei.

Der Abend klingt aus. Gegen zwanzig vor vier, treten der Gefährte und J. den Heimweg an. J. liebt es im Anzug durch die Stadt zu laufen.

23. Mai 2009 (2)

Graceland — SE am 26.05.2009 um 18:06 Uhr. Kommentare (0).

Vom Marburger Hauptbahnhof aus marschiert statt spaziert J. zu seiner Wohnung. Dort angekommen hängt er seinen Kleidersack an die Tür der Herrenkomode, gibt seine Sportwetten ab, telefoniert und macht sich schließlich wieder auf den Weg.

Der Gefährte und “Four Fingers” haben gerade ihr Radler bestellt, man will es heute langsam angehen lassen, als J., den Blick starr auf den Fernseher gerichtet, das Graceland betritt. “Was verpasst?” Er stellt die Frage in den Raum. “Sechsundneunzig gleich am Anfang Eigentor und die Wölfe führen, Misimovic war’s.” – “Scheiße.”

Das Graceland ist voll mit Bayern-Fans und -Feinden, Eintracht-Fans und ein paar Ossis, die Cottbus anfeuern. J. selbst ist für Bremen, aber die bekommen die volle Packung, also bestellt er sich ‘nen Burger.

“Hast den Anzug abgeholt?” – “Klar.” – “Hast dich in Gießen verlaufen? Warst ganz schön lang unterwegs.” – “Nee, in falschen Zug eingestiegen und durch ganz Hessen gefahren.” Der Gefährte lacht.

Die Bedienung beschwert sich, sie wollte ursprünglich selber Fußball schauen, habe jetzt aber einspringen müssen, weil sie gerade hier war und die andere Aushilfe nicht und nie wieder werde sie zum Fußball schauen ins Graceland kommen. Der King hingegen hockt an der Bar, beobachtet genau wie seine Gäste die Konferenz-Übertragung und zieht seelenruhig an einer seiner dünnen Zigaretten, das Geschirrhandtuch auf seinem Oberschenkel liegend. J. gibt fünfzig Cent Trinkgeld und widmet sich seinem Burger.

Die Wölfe werden Meister vor den Bayern, Hamburg schafft’s in die Europaliga-Qualifikation, der BVB nicht, KSC setzt Himmel und Hölle vergeblich in Bewegung und Energie Cottbus rettet sich auf den Relegationsplatz.

“Um sieben dann bei dir.” – “Vergesst den Koffer nicht. Und besorgt mal noch ‘ne zweite Flasche Whiskey. Den anderen bringt ihr ja eh mit. Den guten.”

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