Eigentlich ist Jonas ein ziemlich durchschnittlicher Typ. Etwas neurotisch vielleicht, aber bestimmt nicht mehr als alle anderen auch. Er kann nur an Zigaretten ziehen, wenn die Schrift, der Markenname zur Nase zeigt. Deswegen sind ihm selbst gedrehte Kippen so zuwider. Bei Getränkeflaschen hingegen muss die Schrift, der Markenname auf die Füße zeigen. Deswegen sind ihm asymmetrische Getränkekartons so zuwider. Den Alarm seines Funkweckers kann er nur in Schritten zu je zwanzig Minuten einstellen, also volle Stunde, zwanzig nach, zwanzig vor. Immerhin hat er sich abgewöhnt Lautstärkeregler an Stereo-Anlagen und Fernsehgeräten nur in Fünfer-Schritten zu verstellen.
Eigentlich ist Jonas ein ziemlich durchschnittlicher Typ. Natürlich hat er auch ein paar Macken, die hoffentlich nicht zwanghaft sind, sondern einfach nur Macken, wie sie jeder andere bestimmt auch hat, in ähnlicher Form. Er hört zum Einschlafen immer relativ laut Musik, Metal oder House, und wirft dabei den Kopf im Rhythmus hin und her als hätte er fiese Albträume. Das hat er als Kind schon gemacht, damals noch ohne Musik. Ihm wird dabei nicht schwindelig, im Gegenteil hat er eher das Gefühl klarer denken zu können. Eine peinliche Gewohnheit, die er geheim hält und ganz sicher nicht durchführt, wenn andere im Raum sind. Manchmal fragt er sich, ob er im Schlaf eigentlich weitermacht, so wie andere Menschen schnarchen.
Etwas misanthropisch ist Jonas vielleicht auch und regt er sich innerlich über die Menschen auf. Aber bestimmt haben alle anderen auch Kleinigkeiten über die sie sich unnötig und viel zu sehr aufregen. Er regt sich zum Beispiel auf, wenn Deppen es mal wieder geschafft haben genau zwischen Tür und Angel stehen zu bleiben um sich zu unterhalten. Oder wenn dumme Mütter die Straße unbedingt zehn Meter vor dem Zebrastreifen überqueren müssen und die Kinderwagen dafür an der engsten Stelle des Fußwegs quer stellen, während sie warten. Oder wenn nervtötende Kinder grundlos schreien und quengeln. Oder wenn absolute Vollidioten zu blöd sind den Fahrschein-Automaten in unter dreißig Minuten zu bedienen. (Aber nicht, wenn eine ältere Dame sich an der Fleischerei-Theke, unter dem Genöle der restlichen Anstehenden, ausgiebig beraten lässt. Denn das ist ihr gutes Recht und aus diesem Grund geht man zum Fleischer und kauft nicht das abgepackte Zeug im Supermarkt.)
Eigentlich ist Jonas ein ziemlich durchschnittlicher Typ. Etwas naiv und zugleich arrogant vielleicht. Aber alle anderen müssten sich, bei genauerer Betrachtung, auch negative Eigenschaften eingestehen. Er hält sich für die Inkarnation der Wahrheit und Aufklärung, für viel intelligenter als den Rest, zumindest dem größten Teil des Rests, und man hat den Fehler gemacht, ihn als Kind in diesem Glauben zu bestätigen. Natürlich ist er auch der Meinung, dass er mit dieser Begabung zwangsweise erfolgreich, ja reich werden müsste.
Und stinkend faul ist Jonas, nicht nur vielleicht. Sogar mehr als alle anderen, obwohl alle anderen genau das abstreiten würden, aus welchem Grund auch immer. Er ist zu faul zum Lernen und zum Arbeiten. Zum Aufräumen und Putzen ist er zu faul. Teilweise ist er zu faul um sich was zu kochen, ja sogar zu faul um auf Toilette zu gehen. Es kommt sogar vor, dass er zu faul zum Leben ist, hängt tagelang im Bett, schaut amerikanische Serien und liest Bücher, überlässt das Leben anderen. Dann liegt er abends im Bett, wirft den Kopf hin und her und fragt sich, warum er immer noch nicht erfolgreich ist mit all seinem eingeredetem Wissen.
Aber eigentlich ist Jonas ein ziemlich durchschnittlicher Typ.