Randnotiz

Randnotiz — SE am 26.07.2009 um 21:50 Uhr. Kommentare (2).

Du bist für diese einfache, bequeme, mit so wenigem zufriedene Welt von heute viel zu anspruchsvoll und hungrig, sie speit dich aus, du hast für sie eine Dimension zuviel. Wer heute leben und seines Lebens froh werden will, der darf kein Mensch sein wie du und ich. Wer statt Gedudel Musik, statt Vergnügen Freude, statt Geld Seele, statt Betrieb echte Arbeit, statt Spielerei echte Leidenschaft verlangt, für den ist diese hübsche Welt hier keine Heimat…

Hermann Hesse – Der Steppenwolf

Vorwort

Graceland — SE am 14.07.2009 um 14:34 Uhr. Kommentare (2).

Eigentlich ist Jonas ein ziemlich durchschnittlicher Typ. Etwas neurotisch vielleicht, aber bestimmt nicht mehr als alle anderen auch. Er kann nur an Zigaretten ziehen, wenn die Schrift, der Markenname zur Nase zeigt. Deswegen sind ihm selbst gedrehte Kippen so zuwider. Bei Getränkeflaschen hingegen muss die Schrift, der Markenname auf die Füße zeigen. Deswegen sind ihm asymmetrische Getränkekartons so zuwider. Den Alarm seines Funkweckers kann er nur in Schritten zu je zwanzig Minuten einstellen, also volle Stunde, zwanzig nach, zwanzig vor. Immerhin hat er sich abgewöhnt Lautstärkeregler an Stereo-Anlagen und Fernsehgeräten nur in Fünfer-Schritten zu verstellen.

Eigentlich ist Jonas ein ziemlich durchschnittlicher Typ. Natürlich hat er auch ein paar Macken, die hoffentlich nicht zwanghaft sind, sondern einfach nur Macken, wie sie jeder andere bestimmt auch hat, in ähnlicher Form. Er hört zum Einschlafen immer relativ laut Musik, Metal oder House, und wirft dabei den Kopf im Rhythmus hin und her als hätte er fiese Albträume. Das hat er als Kind schon gemacht, damals noch ohne Musik. Ihm wird dabei nicht schwindelig, im Gegenteil hat er eher das Gefühl klarer denken zu können. Eine peinliche Gewohnheit, die er geheim hält und ganz sicher nicht durchführt, wenn andere im Raum sind. Manchmal fragt er sich, ob er im Schlaf eigentlich weitermacht, so wie andere Menschen schnarchen.

Etwas misanthropisch ist Jonas vielleicht auch und regt er sich innerlich über die Menschen auf. Aber bestimmt haben alle anderen auch Kleinigkeiten über die sie sich unnötig und viel zu sehr aufregen. Er regt sich zum Beispiel auf, wenn Deppen es mal wieder geschafft haben genau zwischen Tür und Angel stehen zu bleiben um sich zu unterhalten. Oder wenn dumme Mütter die Straße unbedingt zehn Meter vor dem Zebrastreifen überqueren müssen und die Kinderwagen dafür an der engsten Stelle des Fußwegs quer stellen, während sie warten. Oder wenn nervtötende Kinder grundlos schreien und quengeln. Oder wenn absolute Vollidioten zu blöd sind den Fahrschein-Automaten in unter dreißig Minuten zu bedienen. (Aber nicht, wenn eine ältere Dame sich an der Fleischerei-Theke, unter dem Genöle der restlichen Anstehenden, ausgiebig beraten lässt. Denn das ist ihr gutes Recht und aus diesem Grund geht man zum Fleischer und kauft nicht das abgepackte Zeug im Supermarkt.)

Eigentlich ist Jonas ein ziemlich durchschnittlicher Typ. Etwas naiv und zugleich arrogant vielleicht. Aber alle anderen müssten sich, bei genauerer Betrachtung, auch negative Eigenschaften eingestehen. Er hält sich für die Inkarnation der Wahrheit und Aufklärung, für viel intelligenter als den Rest, zumindest dem größten Teil des Rests, und man hat den Fehler gemacht, ihn als Kind in diesem Glauben zu bestätigen. Natürlich ist er auch der Meinung, dass er mit dieser Begabung zwangsweise erfolgreich, ja reich werden müsste.

Und stinkend faul ist Jonas, nicht nur vielleicht. Sogar mehr als alle anderen, obwohl alle anderen genau das abstreiten würden, aus welchem Grund auch immer. Er ist zu faul zum Lernen und zum Arbeiten. Zum Aufräumen und Putzen ist er zu faul. Teilweise ist er zu faul um sich was zu kochen, ja sogar zu faul um auf Toilette zu gehen. Es kommt sogar vor, dass er zu faul zum Leben ist, hängt tagelang im Bett, schaut amerikanische Serien und liest Bücher, überlässt das Leben anderen. Dann liegt er abends im Bett, wirft den Kopf hin und her und fragt sich, warum er immer noch nicht erfolgreich ist mit all seinem eingeredetem Wissen.

Aber eigentlich ist Jonas ein ziemlich durchschnittlicher Typ.

06. Juli 2009

Graceland — SE am 07.07.2009 um 18:34 Uhr. Kommentare (0).

So geht es also zu Ende.

Was denn eigentlich zu Ende geht, mag man fragen. Man wünscht sich einen Philosophen, der sich großspurig hinstellt und verkündet: “Die Unschuld!” oder “Der Glaube!”. Doch dann, besonders wenn es sich um einen deutschen handelt, holt der Philosoph aus zu einem unermesslich langen und vermeintlich erklärenden Schwall von Worten und letztendlich steht man noch ratloser da.

So geht es also zu Ende. Der Gedanke ist, bedauerlicherweise, nicht zum ersten Mal da. Dieser Satz ist Untermieter der Existenz und wenn man ihm begegnet, versichert man sich seiner akuten Wahrheit – und vergisst ihn wieder.

Das Vergessen muss aufhören. Das erste Buch geht hier zu Ende und es beginnt ein neues.

Randnotiz

Randnotiz — SE am 06.07.2009 um 22:17 Uhr. Kommentare (1).

“Pädophile sollte man alle geradewegs abknallen.”
– “Sag mal, geht’s noch!?”
“Hallo? Pä-do-phil-e?”
– “Nur weil wer pädophil ist, heißt das noch lange nicht, dass er Kinder missbraucht oder Kinderpornographie bezieht. Du kannst jemanden doch nicht wegen seiner Vorlieben – seien sie noch so ekelig – abknallen. Ein Pädophiler kann doch nichts dafür, dass er pädophil ist. Pädophile sind Menschen und nicht potenzielle Vergewaltiger. Du rennst auch nicht durch die Straßen und vergewaltigst Frauen nur weil du ein Mann bist.”

*

Wenn der VW-Mitarbeiter des Monats oder 5% der Werksarbeiter bei der NPD oder Nazis wären, hielte es ihn nicht davon ab, Autos bei VW zu kaufen. Erst wenn diese Werksarbeiter Mechanismen in die Fahrzeuge einbauen, die dafür sorgen, dass Juden vom Straßenrand abkommen und gegen Bäume rasen, würde er sich der Marke verweigern.

Wenn einzelne Politiker einer Partei in Stasi-Akten auftauchen oder den Holocaust leugnen, macht es die jeweilige Partei für ihn nicht unwählbar. Erst wenn diese Politiker mit dieser Partei die Demokratie abschaffen oder Programme, die seinem Gerechtigkeits-Empfinden nicht entsprechen, durchsetzen wollen, könnte er das Kreuz nicht mehr neben den Namen dieser Partei setzen.

Schön wäre es natürlich, wenn es generell keine Nazis an den Fließbändern der Automobil-Konzerne und Parteien völlig ohne schwarze Schafe gäbe. Aber wir leben nicht in einer perfekten Welt.

Wunschkonzert

Musik — SE am 02.07.2009 um 17:52 Uhr. Kommentare (5).

Er ist heute, vermutlich des Wetters wegen, irgendwie reduziert, daher gibt es nur eine Liste mit den seiner Meinung nach besten Filmmusik-Szenen (ohne feste Rangfolge.)

Antonio Banderas & Los Lobos – Canción del Mariachi in Desperado.
Giorgio Moroder – Tony’s Theme in Scarface.
Iggy Pop – Lust for Life in Trainspotting.
The Verve – Bitter Sweet Symphony in Eiskalte Engel.
Stealers Wheel – Stuck in the Middle with You in Reservoir Dogs.
Queen – Bohemian Rhapsody in Wayne’s World.
Elton John – Tiny Dancer in Almost Famous.
Ennio Morricone – Armonica in Spiel mir das Lied vom Tod.
Chuck Berry – You Never Can Tell in Pulp Fiction.

Natürlich hätte er aus Pulp Fiction auch gerne Misirlou von Dick Dale and his Del-Tones und Girl, You’ll Be A Woman Soon von Neil Diamond reingenommen. Genau wie man im Soundtrack von Eiskalte Engel einige weitere Perlen findet. Aber er wollte sich auf ein Stück pro Film beschränken.

The Pixies – Where Is My Mind in Fight Club.
The Stranglers – Golden Brown in Snatch
Katrina & The Waves – Walking On Sunshine in High Fidelity
Richard Wagner – Ritt der Walküren in Apocalypse Now
The Trashmen – Surfin’ Bird in Full Metal Jacket
Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich – Hold Tight! in Death Proof.
Buffalo Springfield – For What It’s Worth in Lord of War.
Clint Mansell -Lux Aeterna in Requiem for a Dream.
Jefferson Airplane – White Rabbit in Fear and Loathing in Las Vegas.

Ergänzungen erwünscht.

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