27. Oktober 2009

Graceland — SE am 28.10.2009 um 01:35 Uhr. Kommentare (0).

“Die Ecke wird Dedê schießen, der Deutsch-Brasilianer mit der Rückennummer 12, der bereits seit 1998 für Borussia Dortmund aufläuft. Die letzte Ecke in diesem Spiel wohl, denn es ist bereits die sechste Minute der Nachspielzeit angebrochen. Dedê schießt, auf Valdez, der leitet weiter und da steht Barrios. LUCAS BARRIOS! MIT DEM KOPF INS LINKE ECK! ANSCHLUSSTREFFER FÜR DEN BVB. Aber da ist Schluss, Schiedsrichter Guido Winkmann pfeift ab. VfL Osnabrück macht die Sensation perfekt und zieht ins Viertelfinale des DFB-Pokal ein. Erst Rostock, dann den HSV, jetzt die Borussen, denen kein Vorwurf zu machen ist. Sie haben das Spiel dominiert, nur die Chancen-Verwertung lässt zu wünschen übrig. Morgen dann Schalke – 1860, Bremen – Kaiserslautern, Hoffenheim empfängt Koblenz und die Frankfurter Eintracht trifft auf den FC Bayern. Zurück ins Studio.”

Das war Zimmermann, live aus der Osnatel-Arena für Liberty Rock Radio 97.8, mein Name ist John Reilly und wir machen weiter mit Steve Marriot’s All Stars – Cocaine.

Jonas nippt an seinem Mangosaft.
“Warum hast’n das Spiel nicht live gezeigt?”
– “Der Fernseher is’ kaputt.”
“Nicht dein Ernst. Und morgen? Morgen spielt Bremen. Ich will Fußball gucken.”
– “Mit’n bisschen Glück ist er morgen wieder fit.”
“Mit’n bisschen Glück…”
– “Und du? Bin deine Anwesenheit an ‘nem Dienstag ja gar nicht gewohnt. Kein Serien-Fix heut?”
“Njach, hör mir auf. Die dreckigen Amis haben die Hälfte meiner Serien ausfallen lassen.”
– “Thanksgiving?”
“Thanksgiving ist im November…”
– “Was weiß ich denn…”
“Nix, deswegen bin ich ja da.”
Grinsend wartet er auf die Reaktion des King, doch der poliert unbeirrt weiter die Gläser.
“John Cleese wird heut 70.”
– “Der Typ hinter Monty Python?”
“Ja. Wobei – streng genommen – ist Monty Python eine Gruppe und alle Mitglieder gleichgestellt. Wie bei den Rolling Stones. Die hatten auch keinen Anführer.”
– “Klar. Mick Jagger.”
“Schwachsinn.”
– “Natürlich. Die Anderen waren doch gar nicht durchgehend in der Band. Bis aus Keith Richards.”
“Eben. Keith Richards.”
– “Ach, leck mich doch…”

21. Oktober 2009

Graceland — SE am 22.10.2009 um 16:15 Uhr. Kommentare (0).

“Die Bayern befinden sich ja in einer mittelschweren Krise.”
– “Robben und Ribery fehlen. Die sind schwer zu ersetzen. Außerdem Olic und Braafheid.”

Das Graceland leert sich langsam, das Rücken der Stühle und die lautstarken Abwägungen der Gäste über die jeweilige weitere Abendgestaltung machen es unmöglich den Interviews im Anschluss des Spiel zu folgen. Man sieht Magath, der immerhin alle deutschen CL-Teilnehmer bereits trainierte, wie er Fragen beantwortet.

“Wieso hast du das Bayern-Spiel gezeigt und nicht Konferenz? Milan hat Real geschlagen und Chelsea Atletico weggeputzt. Das waren bestimmt schöne Spiele. Und Wolfsburg hätte man auch mehr mitbekommen.”
– “Das Bayern-Spiel hatte die höhere Nachfrage.”
“Du hast abgestimmt?”
– “Nee, geschätzt.”

Im Fernsehen zeigen sie Wiederholungen der wichtigsten Szenen und als Altintop in Zeitlupe nach einem Freistoß von Wendel Planus anschießt und der Ball im falschen Tor landet, geht noch einmal ein enttäuschtest Raunen durch’s Graceland. Nur das französische Mädchen feiert immer noch ausgelassen den Erfolg ihrer Mannschaft.

“Bah, wie mir die auf den Geist gegangen ist.”
– “Die Kleine?”
“Es ist schon dreist hier so überzogen und demonstrativ gegen die Bayern zu sein. Säße ich in Bordeaux und die Bayern hätten gewonnen, ich würde nicht so feiern. Reine Höflichkeit.”
– “Hier sitzen noch andere, die gegen die Bayern waren.”
“Die typischen Idioten, die Liga nicht von internationalem Wettbewerb unterscheiden können und ihre Abneigung einfach übertragen.”
– “Die Kleine fand ich niedlich. Wie sie auf französisch angefeuert hat. Allez! Allez! Ich hab’ gelächelt. Du grummelst nur immer.”

Es ist wieder ruhig im Graceland. Die große Mehrheit der Fußball-Begeisterten ist weitergezogen. Der King zündet sich eine seiner dünnen Zigaretten an.

“Was gibt’s ‘n morgen zum Mittag?”
– “Köttbullar mit Preiselbeeren, Rahmsoße und Kartoffeln.”
“Das sind diese schwedischen Frikadellen, oder?”
– “Jop.”
“Klingt gut. Dann bis morgen.”

Jonas zieht sich Mütze, Schal und Jacke über, der Herbst ist verdammt kalt, und verlässt das Graceland. Der King zieht an seiner Zigarette, schüttelt den Kopf und setzt hinter dem Wort Bier zwei Striche auf die Liste.

15. Oktober 2009

Graceland — SE am 15.10.2009 um 01:13 Uhr. Kommentare (1).

Und er sitzt im Schneidersitz, weil die Füße so frieren und weil es eine so merkwürdig entspannende Position ist, auf seinem Schreibtischstuhl, hört Musik und wippt im Takt mit. Und er notiert es mit blauer Tinte in seinem kleinen, schwarzen Buch, weil eine Notiz nur im Internet zu kurzlebig wäre, niemals verschwindend und doch so unendlich flüchtig und unaufbewahrt.

“15102009 höre musik fühlt sich gut an ohne wäre ich tot”

01. Oktober 2009

Graceland — SE am 04.10.2009 um 19:57 Uhr. Kommentare (2).

Früher bedeuteten Worte noch etwas, Blicke bedeuteten etwas. Küsse bedeuteten die ganze Welt, brachten sie zum Wanken, zum Einstürzen und zum Explodieren. Sogar Sex hatte eine Bedeutung, zumindest eine kleine, nicht vergleichbar mit der Bedeutung von Blicken, Worten oder Küssen.

Wahrheit bedeutete etwas, Vertrauen bedeutete etwas. Liebe bedeutete Gefühls-Tsunami. Nicht leichter Wellengang, auch wenn leichter Wellengang Inseln genauso wegspülen kann, langsam. Statt Liebe ist da nur noch ein leises Bedauern, dieses Bedauern mit dem man auf die Kindheit zurückblickt.

Rebellion bedeutete etwas und Gedanken und Träume. Gedanken veränderten oder festigten Auffassungen, motivierten, in Träumen wuchs man über sich hinaus. Vielleicht bedeuten Gedanken und Träume immer noch etwas, aber viel zu oft hinterlassen sie nur Leere, die nichts mehr füllen will.

“Was’n los, alter Freund. Du starrst so trübsinnig in den Kaffee.” Der King schaut ihn mitfühlend an.
Immerhin Freundschaft. Freundschaft bedeutet noch etwas. Ganz sicher. Hoffentlich.
“Ich weiß auch nicht. Der Zucker ist alle.”

03. Oktober 1969

Aufklärung — SE am 03.10.2009 um 17:39 Uhr. Kommentare (0).

Es gehört zu den elementaren Bedürfnissen des Menschen, sich aus möglichst vielen Quellen zu unterrichten, das eigene Wissen zu erweitern und sich so als Persönlichkeit zu entfalten. [...] Das Grundrecht der Informationsfreiheit ist wie das Grundrecht der freien Meinungsäußerung eine der wichtigsten Voraussetzungen der freiheitlichen Demokratie [...]. Erst mit seiner Hilfe wird der Bürger in den Stand gesetzt, sich selbst die notwendigen Voraussetzungen zur Ausübung seiner persönlichen und politischen Aufgaben zu verschaffen, um im demokratischen Sinne verantwortlich handeln zu können. Mit zunehmender Informiertheit erkennt der Bürger Wechselwirkungen in der Politik und ihre Bedeutung für seine Existenz und kann daraus Folgerungen ziehen; seine Freiheit zur Mitverantwortung und zur Kritik wächst. Nicht zuletzt können die Informationen den Einzelnen befähigen, die Meinungen anderer kennenzulernen, sie gegeneinander abzuwägen, damit Vorurteile zu beseitigen und Verständnis für Andersdenkende zu wecken.

Leipziger-Volkszeitung-Entscheidung

Amen.

| Sven Erlenborn. - Wordpress - Barecity Theme