Kommentar zum Atomausstieg
Jonas’ Selbstgespräche an der Theke des Graceland, gerichtet an den Tassen spülenden oder rauchenden, aber fast immer schweigenden King.
“Da hat der Röttgen, der Norbert, jetzt einen platzen lassen. Titten auf’n Tisch, hat er gesagt, Atomausstieg können wa machen, dauert bissl länger als damals eingeplant, aber bis 2030 haben wa 40 Prozent erneuerbare Energie und da braucht’s keine Meiler mehr, können alle weg. Sagt sogar der Bundesverband der Industrie und die sind ja nun wohl ma echt so ganz die Skeptischen und Ernsthaften und Top-Denker. Hat der Norbert gesagt. Jetzt rudert sein Ministerium schon zurück. Denn gleich als der Norbert das gesagt hatte, kamen der hessische Koch, den man ja kennt, weil seine Visage ‘nen bleibenden Eindruck hinterlässt, und der württembergische Mappus, den man ja außerhalb von BaWü eher nicht so kennt, es sei denn, man will, die beiden kommen also und sagen Nee Nee Nee, können wa auf gar keinen Fall abschalten, weil die Kraftwerke, die können ja eine Million pro Tag bringen, eine Million. Dass die besonders bedrohten Kraftwerke, also das bei Biblis und das bei Neckarwestheim, ausgerechnet in Hessen und Baden-Württemberg stehen, war ja eigentlich klar. Es geht also nicht um irgendeine Million pro Tag, sondern um die Million pro Tag, die zum Beispiel der Koch braucht, um noch ‘nen paar KiTas zu schließen. Und was der Mappus mit dem Geld dann doch nicht macht, weiß ich nicht, weil den kennt ja eh keiner. Aber, schieben die beiden dann doch nach, man könne ja ‘nen Teil des Geldes in die Erforschung von erneuerbaren Energien stecken. Nee Nee Nee, sagt jetzt wieder der Röttgen, das sei bestimmt verfassungswidrig und so, und dann kommt noch jemand, unzwar der Regierungssprecher Wilhelm, und sagt Blödsinn, er habe da keine Bedenken. So richtig sicher sind sich da beide scheinbar nicht, aber die haben ja auch nur Jura studiert. Und irgendwann schlurft dann letztendlich und natürlich auch die Merkel in die Szene, ganz leise, denn Titten auf’n Tisch ist so gar nicht ihr Ding, obwohl sie als einzige welche hat, und merkt so ganz dezent an, dass man doch jetzt mal ruhiger machen solle und das stehe ja auch alles im Koalitionsvertrag, wie wir, sie sagt ja immer wir, das handhaben wollen. Man muss ja auch mal gucken, wegen Versorgung und Umwelt, weil Kohle ist ja eigentlich genauso scheiße wie Atom, und den Preisen, dass die Preise in Deutschland so teuer sind, weil vor allen die Steuern höher sind als in anderen Ländern, blendet sie mal aus. Wobei, die Steuern will ich gar nicht schlecht reden, denn angeblich geht das Geld ja in die Förderung erneuerbarer Energien. Aber diese Beschwichtigung wirkt schon wieder wie: Auf irgendwas einigen, wo man dann schon 2030 für gerade stehen muss, ist ja auch eher so blöd. Schieben wir das Problem doch auf die nächste Legislaturperiode, obwohl, dann sind die, also wir, Deppen bestimmt immer noch alle an der Macht.”
Die BDI-Studie, auf die sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen bezieht, findet ihr hier. Bei einem vollständigen Atomausstieg bis 2030 würden die Atomkraftwerke Biblis A in Hessen und Neckarwestheim 1 in Baden-Württemberg nur fünf bzw. sechs Jahre eher geschlossen als bei der derzeit von CDU, CSU und FDP überwiegend angestrebten Laufzeitverlängerung auf 60 Jahre. Laut dem deutschen Atomgesetz (AtG), welches eine Befristung der Regellaufzeit auf 32 Jahre vorsieht, hätten Biblis A und Neckarwestheim 1 bereits 2007 bzw. 2008 geschlossen werden müssen. Schweden ist bereits von seinem Atomausstieg zurückgetreten. Die osteuropäischen Staaten planen auch langfristig keinen Atomausstieg.
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[Wortgefecht] Kommentar zum Atomausstieg vom 08. Juli 2008.

