15. November 2009
Von außen sieht das Gebäude aus wie ein hochmodernes Hotel ohne Tradition, hochgezüchtet für den Fremdenverkehr in den Alpen und den Familienurlaub an der Ostsee. Riesige Fenster, egal, auf welcher Seite der Scheibe man steht, keine Vergangenheit. Seine Begleitung parkt den schwarzen Golf und sie schleichen über den Vorhof auf den Eingang zu und müssen trotzdem noch abbremsen, so elendig langsam öffnet sich die Schiebetür, wie das Tor nach Mordor, dem schwarzen Land zwischen Aschen- und Schattengebirge, dem Vorhof der Hölle.
Drinnen riecht es nach nichts, nicht nach Putzmittel, nicht nach alten Leuten, nicht nach Essen, obwohl es elf Uhr ist und direkt gegenüber der Speisesaal liegt. Tatsächlich ist die Eingangshalle fast ohne Eigenschaften, Boden, Wände, Decke, wegführende Flure und grelles, flutendes Licht. Am Ende des Tunnels ist ein helles Licht.
Auf der Suche begegnen sie der Schwiegermutter seiner Tante. Sie ist stark dement, taub, an den Rollstuhl gefesselt und starrt auf ein Bild von einem Leuchtturm. Jonas und seine Begleitung grüßen sie, keine Reaktion. Sie weiß nicht, dass sie angesprochen wurde und selbst wenn, kann sie dem Gesicht keine Person, keine Erinnerung zuordnen. Überall Menschen, die nicht tot sind, aber kaum noch wissen, dass sie leben und schon gar nicht, dass sie gelebt haben. Uralte Babies im Mutterleib.
Etwas weiter starrt sie eine unbekannte Frau an. “Helft mir! Ich mag nicht mehr! Helft mir doch!” Jonas starrt entsetzt zurück, er ist wie angewurzelt. “Helft mir doch!” Im Vorhof der Hölle verführen und locken keine Succubi. Du trittst ein und dir wird die Seele ausgesaugt. Du spürst, wie du innerlich zusammenbrichst. Du spürst, wie das Leben zerbricht. Du befindest dich im Schatten und bald wirst auch du zu Asche geworden sein.
Seine Großmutter sitzt in einem Wintergarten. Sie erkennt die Gesichter als Jonas und seine Begleitung auf sie zukommen, sie lächelt, sie erzählt, wie es ihr geht und wie das Leben hier ist, immer und immer wieder, weil ihr Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert, aber sie erzählt. Und sie sieht glücklich aus. Sie sieht glücklich aus!
Eine Stunde unterhalten sie sich mit ihr und Jonas unterdrückt die Tränen, ist immer froh, wenn seine Begleitung das Gespräch am Laufen hält, während er einfach nur versucht mit der Situation umzugehen.
Seine Oma wird sterben, wahrscheinlich noch vor Weihnachten. Aber sie sieht glücklich aus.
Er schaut aus dem Fenster.
“Danke.”
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